Gehorche! Sieh fern! Konsumiere! John Carpenter’s THEY LIVE!

Quelle: pinterest.com
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„They live, we sleep!“ Als der Film 1988 erschien, war er im Grunde genommen Carpenters Stinkefinger in Richtung der republikanischen Reagan-Regierung. Besonders Reagans Wirtschaftspolitik, mit der er den Reichen und Mächtigen Steuererleichterungen verschaffte, sorgte dafür, dass die Reichen reicher wurden und die Armen ärmer. Die Kluft zwischen Arm und Reich wurde immer größer und heute kann man in den USA beobachten, dass es eigentlich keine Mittelschicht mehr gibt. Die Reichen verschanzen sich in eigenen Villenvierteln, mit Mauern und Security-Personal und die ehemalige Mittelschicht braucht drei Jobs, um überhaupt über die Runden zu kommen. Der Rest verarmt gänzlich oder lebt bereits auf der Straße. Insofern hat Carpenter recht, wenn er sagt, dass die 1980er eigentlich nie aufgehört haben und wir immer noch darin leben, zumindest, was die betreffenden Umstände der damaligen Zeit betrifft.

Der Film erschien vor kurzem zum ersten Mal auf Blu-ray in Deutschland. Und das Thema ist leider aktueller denn je.

Eröffnet wird der Film von der Hauptfigur, John Nada, gespielt vom ehemaligen Wrestler Rowdy Roddy Piper. Er ist ein herumstreunender Gelegenheitsarbeiter und kommt zu Fuß nach Los Angeles. Das ist im Grunde eine klassische Western-Eröffnung, die auch durch die Musik von Western-Fan Carpenter und seinem Co-Komponisten Alan Howarth unterstrichen wird. Der langsame Bass-Rhythmus symbolisiert das stetige, langsame Gehen oder auch den immer gleichen Trott, in dem man sich befindet, während Gitarre und Mundharmonika für Western-Stimmung sorgen. Der Name John Nada drückt ebenfalls Western-Feeling aus. Nada, also „Nichts“ oder „Niemand“, ist quasi der Namenlose, der in die Stadt kommt und man weiss, dass es Ärger geben wird. Zudem steht die Bedeutung des Namens, also ein „Niemand“, im Filmzusammenhang auch dafür, dass selbst der kleine Mann von der Straße Großes bewirken kann.

Nada findet Arbeit auf einer Baustelle und lernt dort Frank kennen. Da beide keinen festen Wohnsitz haben, führt Frank ihn nach „Justiceville“, einer Slum-Siedlung mitten in L.A.. Dort gibt es auch eine kleine Kirche, in der zu jeder Tag- und Nachtzeit angebliche Chorproben durchgeführt werden. Die Obdachlosen im Slum vertreiben sich die Zeit mit Fernsehen, wo sie sich Werbung für Produkte ansehen, die sie sich wohl nie leisten können. Eines Abends wird Nada Zeuge einer Übertragung, welche in das Fernsehsignal eingestreut wird. Dort erzählt ein älterer Mann, dass wir alle in einer Art Schlafzustand leben, ausgelöst durch ein Signal, welches durch den Fernseher übertragen wird, selbst, wenn das Gerät aus ist. Aliens leben bereits seit langem mitten unter uns, aber durch das TV-Signal wird die Wahrheit vor unseren Augen verborgen.

Die Aliens fressen jetzt zwar keine Menschen auf (etwas, was die Produktionsfirma von Carpenter wollte, weil ihnen die politische Thematik zu heikel war), aber sie sind im Grunde die Oberen Zehntausend. Sie beuten den Planeten aus und wenn es nichts mehr zu holen gibt, ziehen sie einfach weiter. Dabei helfen ihnen allerdings auch Menschen, die sie rekrutieren. Als Gegenleistung werden die Menschen schnell reich und steigen die Karriereleiter steil nach oben.

In der folgenden Nacht wird „Justiceville“ plötzlich von einer Armee aus Polizei und schwerem Baugerät niedergemacht. Als Nada die kleine Kirche durchsucht, findet er in einem Holzverschlag einen Karton voller Sonnenbrillen. Nicht wissend, was es damit auf sich hat, behält er eine davon und erlebt sein blaues Wunder, als er diese aufsetzt. Zuerst sieht er die wahren Botschaften hinter Werbeplakaten und Ladenschildern, auf denen Begriffe wie „Obey“, „Watch T.V.“, „No independent thoughts“ oder „Consume“ stehen. Und dann sieht er die Aliens, die in Menschengestalt unter uns leben. Die Brillen, ausgestattet mit sogenannten Hoffmann-Linsen, filtern das Signal der Aliens heraus und machen die Wahrheit sichtbar. Von da an beginnt Nada seinen im Grunde unmöglichen Kampf gegen die Besatzer.

Carpenter schrieb das Drehbuch unter dem Pseudonym „Frank Armitage“, um die verschiedenen Einflüsse, die die Geschichte hat, unter einen Hut zu bringen. So ist der Name „Armitage“ beispielsweise der Name einer Figur aus Lovecrafts „Dunwich Horror“ (Henry Armitage ist dort der Bibliothekar der Miskatonic University). Die Kurzgeschichte von Lovecraft hat zwar nicht direkt etwas mit dem Film „They Live!“ zu tun, aber Carpenter ist ein großer Verehrer Lovecrafts und Querbezüge zu dessen Geschichten finden sich auch in anderen Carpenter-Filmen wieder. Ein möglicher Bezugspunkt zu „Dunwich Horror“ könnte sein, dass auch hier die Helden gegen das übermächtige und scheinbar unbesiegbare Böse antreten müssen, ein wiederkehrendes Motiv in Carpenters Filmen.

Und auch die Kurzgeschichte „Eight o‘ clock in the morning“ von Ray Nelson war eine Inspiration. Die Hauptfigur dort heisst ebenfalls Nada, George Nada. Dieser wacht nach einer Show-Hypnose auf der Bühne wieder auf und sieht im Publikum neben den vertrauten Gesichtern auch nicht-menschliche Gesichter.

Für damals knapp 4 Millionen Dollar drehte Carpenter den Film und er startete tatsächlich als Nummer eins der US-Kinocharts. Am Ende blieb ein US-Einspielergebnis von 15 Millionen Dollar stehen, was zwar nicht hoch ist, aber aufgrund der niedrigen Produktionskosten trotzdem ein Erfolg.

Wie viele andere Carpenter-Filme zuvor wurde auch „They Live!“ damals eher verrissen und belächelt, sicherte sich aber im Laufe der Jahre eine wachsende Fangemeinde, zu der selbst berühmte Kollegen von Carpenter, wie Martin Scorsese, gehören. Die Alien-Masken selbst sehen im Film zwar eher künstlich aus, aber auch das wollte Carpenter so, da es seine Hommage an die Sci-Fi-Filme der 1950er Jahre war, in denen eine Alieninvasion eigentlich immer eine Allegorie für die Angst vor einer kommunistischen Unterwanderung der USA war.

Roddy Piper macht seine Sache sehr gut, war „They Live!“ doch seine erste Hauptrolle. Mit Schrecken denkt man zwar an die Schauspielversuche anderer Wrestler, siehe Hulk Hogan, aber Piper spielt die Figur des John Nada auch deshalb so überzeugend, weil viel von dessen Charakter und Lebensweg auch auf ihn selbst zutrifft. Sein Können als Wrestler kann Piper dann auch kurz zeigen, als es zu einem fünfminütigem Schlagabtausch zwischen ihm und Frank in einer Seitengasse kommt. Carpenter wollte die Szene unbedingt haben, auch in dieser Länge, selbst wenn sie dramaturgisch eigentlich nichts zum Film beiträgt. Aber so bekamen wir wohl einen der unerbittlichsten Faustkämpfe in der Filmgeschichte, der laut Carpenter an die Faustkämpfe in John-Wayne-Filmen erinnern sollte.

Gegen Ende hin vergisst der Film scheinbar seine Botschaft ein wenig und wird zum Actionfilm, aber insgesamt ist „They Live!“ einer von Carpenters besten Filmen, der die Zeit nicht nur überdauert hat, sondern heute aktueller ist denn je. Um mit den Worten von John Nada zu schliessen: „I have come here to chew bubblegum and kick ass! And I’m all out of bubblegum…“

Quelle: nymag.com

Im Gedenken an „Rowdy“ Roddy Piper (1954 – 2015).

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