Rückkehr nach Pompeii: DAVID GILMOUR – LIVE AT POMPEII

Quelle: schauburg.de

Als Regisseur Adrian Maben im Oktober 1971 die Band Pink Floyd im Amphitheater von Pompeii aufspielen ließ, befand diese sich auf dem Höhepunkt ihrer Psychedelic-Rock-Phase. Pink Floyd waren in ihre zweite musikalische Phase eingetreten, nach dem Ausscheiden des ehemaligen Frontmannes und Songschreibers Syd Barrett. Für Barrett kam damals David Gilmour in die Band, der mit Barrett zusammen in einer WG wohnte. Die ersten Alben in der neuen Besetzung zeigten eine Band, die noch nicht genau wusste, wo sie hin wollte. Es gab avantgardistische Klangspielereien auf Ummagumma (1969), pompöse Orchester- und Chormomente auf Atom Heart Mother (1970) und Folk Rock auf der Filmmusik zu More (1969).

Erst das Album Meddle (1971), welches Schlagzeuger Nick Mason später als das „erste echte Pink-Floyd-Album“ bezeichnen sollte, präsentierte das Ziel der Suche nach einem Weg. Ironischerweise war das Album sowohl der Höhepunkt der Psychedelic-Rock-Phase der Band, als auch der langsame Abschied davon. Nur zwei Jahre später sollten Pink Floyd mit Dark Side of the Moon (1973) in bisher unbekannte Stratosphären vordringen (das Album verkaufte sich bis heute über 50 Millionen Mal und stand 15 Jahre lang, von 1973 bis 1988, ununterbrochen in den US-Billboard-Charts).

Und mit eben diesem Album Meddle im Gepäck kamen die Floyd Ende 1971 nach Pompeii, um dort einige ihrer Stücke zu spielen, in einem Konzert ohne Publikum. Die Klanglandschaften, in denen Gilmours Gitarre wehklagend über Richard Wrights Keyboard-Flächen schwebt, durchdringen die Ruinen von Pompeii und nur die antiken Statuen und Fresken sind Zeuge dieser ungewohnten Klänge. Der Film Pink Floyd – Live at Pompeii kam 1972 in die Kinos.

45 Jahre später. Die Band Pink Floyd gibt es nicht mehr. Bassist Roger Waters, der sich in den 70ern zum lyrischen Mastermind der Band entwickelte, verließ diese 1985 im Streit. Gilmour, Wright und Mason veröffentlichten noch zwei Alben als Pink Floyd (A Momentary Lapse of Reason 1987 und The Division Bell 1994), die von massiv erfolgreichen Tourneen begleitet wurden. 2005 kommen Gilmour, Wright und Mason wieder mit Waters zusammen, um bei der Neuauflage von Live Aid als Pink Floyd aufzutreten. 2006 stirbt Syd Barrett mit nur 60 Jahren. 2008 stirbt Richard Wright mit 65 Jahren und mit ihm die letzte Hoffnung der Fans auf eine erneute Reunion der Band. 2014 erscheint das letzte Floyd-Album The Endless River, welches größtenteils aus Material besteht, das 1993 während der Division-Bell-Sessions entstanden ist. Kurz darauf gibt David Gilmour offiziell bekannt, dass die Band Pink Floyd Geschichte ist.

Nach seiner On-An-Island-Solo-Tour 2006 machte sich Gilmour 2016 auf, um sein neuestes Solo-Album, Rattle that Lock, ebenfalls mit einer Tour den Fans vorzustellen. Ursprünglich plante er, nur wenige Konzerte zu geben, eine „old man’s tour“, wie er es nannte. Doch die Nachfrage nach Karten war so groß, dass die Tour ausgeweitet wurde. Gilmour kam die Idee, Orte für die Konzerte auszusuchen, die ungewöhnlich waren. Und so kam es, dass auch Pompeii für zwei Abende im Juli 2016 auserkoren wurde. So trat Gilmour an der gleichen Spielstätte auf, die er 45 Jahre zuvor mit seinen Bandkollegen bereits bespielt hatte. Nur dieses Mal würde Publikum dabei sein und damit war es das erste „richtige“ Event, welches seit knapp 2000 Jahren in diesem Amphitheater stattfinden sollte. Die Atmosphäre glich fast schon einem Clubkonzert, da das Theater nur knapp 2200 Leute fassen kann.

Quelle: aiircdn.com

Gilmours Band bestand aus alten Bekannten und neuen Weggefährten. So zupfte Guy Pratt wieder den Bass, der bereits bei den letzten beiden Floyd-Tourneen diese Rolle übernahm und auch auf Gilmours letzter Solo-Tour dabei war. Außerdem ist er der Schwiegersohn von Richard Wright. Ebenfalls bekannt von Gilmours letzter Tour ist Schlagzeuger Steve DiStanislao. An den Keyboards, die auf Gilmours letzter Tour noch Richard Wright höchstpersönlich bediente, stand nun Greg Phillinganes, der bereits mit Michael Jackson tourte. Als zweiter Keyboarder begleitete Chuck Leavell die Band, der in dieser Funktion schon für die Allman Brothers und die Rolling Stones tätig war. An der zweiten Gitarre hörte man Chester Kamen, der Gilmour bei Live Aid in den 80ern kennenlernte, als beide dort in der Band von Bryan Ferry spielten.

Der Konzertfilm David Gilmour – Live at Pompeii beginnt mit einer kurzen Einführung. Man sieht Gilmour und die Band bei den Proben und auf der Reise nach Pompeii. Doch recht schnell befinden wir uns an jenem magischen Ort im Juli 2016, an dem Pink Floyd über vier Dekaden zuvor bereits ihre Musik erklingen ließen.

Das Konzert wird eröffnet von 5 A.M., einem Instrumentalstück, welches auch das Studioalbum Rattle that Lock eröffnet. Die ersten Töne von Gilmours Gitarre erklingen und man spürt schon jetzt, dass jede Note, die Gilmour dort spielt, aus seinem tiefsten Inneren kommt. So folgt dann auch sogleich der Titeltrack.

Die gesamte Setlist des Abends sah so aus:

5 A.M.
Rattle That Lock
Faces Of Stone
What Do You Want From Me?
The Blue
The Great Gig In The Sky
A Boat Lies Waiting
Wish You Were Here
Money
In Any Tongue
High Hopes
One Of These Days
Shine On You Crazy Diamond
Fat Old Sun
Coming Back To Life
On An Island
The Girl In The Yellow Dress
Today
Sorrow
Run Like Hell
Time
Breathe (Reprise)
Comfortably Numb

Für den Konzertfilm wurden einige Stücke ausgelassen. Die Gründe sind womöglich Dopplungen mit Gilmours letzter Tour. So fehlen im Film Faces Of Stone, The Blue, Money, Fat Old Sun, Coming Back To Life, On An Island, The Girl In The Yellow Dress und Today.

Wehmütig wurde es bereits relativ am Anfang, als Gilmour nach dem von Richard Wright komponierten The Great Gig In The Sky in einer kurzen Ansprache von den „Geistern der Vergangenheit“ sprach, die er um sich herum spüren würde. Es folgte dann auch A Boat Lies Waiting, welches Gilmour mit seiner Frau Polly Samson für Wright geschrieben hat, der zu Beginn des Liedes auch kurz zu hören ist („It’s like going to the sea. There is nothing.“).

Der Song In Any Tongue hat bereits auf dem Album ein tolles Gitarrensolo zu bieten, aber live lässt es Gilmour hier richtig krachen. Sehr schön war es auch, dass Gilmour Titel gespielt hat, die er zum letzten Mal vor über 20 Jahren noch mit Pink Floyd gespielt hat, wie Sorrow (was live immer noch der Wahnsinn ist) oder auch Run Like Hell.

Der einzige Song in Gilmours Set, den die Floyd 1971 schon in Pompeii spielten, war One Of These Days.

Der Konzertfilm ist ein rundherum gelungenes Musikerlebnis. Klar, besonders bei Titeln wie One Of These Days fehlt ein wenig das Zupackende der alten Tage, aber Gilmour und seine Band spielen mit viel Freude und Elan und sorgen damit für so manchen Gänsehautmoment. Nur das Ende wirkt etwas abrupt. Ist man gerade noch in der Stimmung eines magischen Abends, laufen auch schon die End Credits in schlichter weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund. Dass im Saal bereits bei der ersten Schrifteinblendung das Licht hochgefahren wurde, tat das Übrige, um den Zuschauer endgültig aus der Magie des Moments zu reißen. Da war der Abspann von David Gilmour – Live at the Royal Albert Hall wesentlich liebevoller gemacht. Dort sah man nicht nur die Namen der Beteiligten, sondern auch ihre Fotos dazu.

Gilmours 2016-Tour war die längste Tour seiner Karriere, mit über 50 Konzerten auf der ganzen Welt. Sollte es die letzte Tour dieses großartigen Musikers gewesen sein, so hat er sich würdig verabschiedet. Und auch im direkten Vergleich mit seinem ehemaligen Band-Kollegen Roger Waters konnte er wieder punkten. Roger mag das lyrische Genie hinter den Texten und Konzepten der Floyd-Platten der 70er gewesen sein, aber das musikalische Herz der Band waren Gilmour und Wright. Das beweisen die Live-Auftritte, die bei Roger eher so klingen, als würde eine zweitklassige Pink-Floyd-Coverband spielen. Wenn Waters Comfortably Numb live spielt, hat er zwei Gitarristen, die sich bei dem legendären Solo am Ende quasi duellieren. Eine schöne Idee an sich, aber selbst mit zwei Gitarristen bringt Waters nicht diese Emotionen rüber, die Gilmour mit nur der Hälfte der Noten erzeugen kann.

Apropos Comfortably Numb. Kurz nach dem Tod von Prince baute Gilmour eine kleine Passage von Purple Rain in das zweite Solo von Comfortably Numb ein. Eine schöne und große Geste (zu hören ab 04:25).

Und wer weiß: Würde Richard Wright noch leben, wäre er vielleicht auch wieder auf Gilmours Tour dabei gewesen. Dann hätte auch er noch einmal das Amphitheater in Pompeii besuchen können, um dort ein zweites Mal Echoes zu spielen. So blieb es ihm „nur“ vergönnt auf Gilmours On-An-Island-Tour.

Am 29. September erscheint das Konzert dann auch auf DVD, Blu-ray, CD, Vinyl und als Download.

Wer das Konzert also live oder im Kino verpasst hat, bekommt damit die Chance, einem der besten Gitarristen, die die Rockwelt je gesehen hat, bei der „Arbeit“ zuzusehen. Auch mit 71 Jahren legt Gilmour immer noch so viel Gefühl in jede einzelne Note, die er spielt, dass der zynische Egomane Roger Waters sagen kann, was er will: Gilmour ist und bleibt das musikalische Herz von Pink Floyd. Dennoch wird die Plattenfirma nicht müde, auf jede Gilmour-Veröffentlichung den Button „The Voice & Guitar of Pink Floyd“ zu kleben. Diese Art von PR hat David Gilmour eigentlich schon lange nicht mehr nötig.

 

 

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