A lead role in a cage? – David Gilmour – Rattle that Lock

Quelle: amazon.de

Neun Jahre nach „On An Island“ veröffentlichte Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour nun sein neues Solo-Album „Rattle That Lock“. Kurioserweise lagen die Solo-Karrieren der einzelnen Floyd-Mitglieder zur Hochzeit der Band Pink Floyd in den 70ern und frühen 80ern ziemlich brach. David Gilmour veröffentlichte bereits 1978 und 1984 je ein Solo-Album, beiden war aber kein besonders großer kommerzieller Erfolg vergönnt gewesen.

Das lag auch daran, dass die Floyd um sich nie einen Personenkult gemacht haben. Anders als bei den Rolling Stones beispielsweise, wo man weiss, wer Mick Jagger und wer Keith Richards ist, waren selbst Fans der Band Pink Floyd lange Zeit die Namen Roger Waters oder David Gilmour nicht sonderlich geläufig. Auf den Plattencovern erschienen die Bandmitglieder nach dem 1969er Album „Ummagumma“ nicht mehr, viel bekannter wurden die Cover-Entwürfe von Storm Thorgerson, wie das Prisma auf „The Dark Side of the Moon“ oder der brennende Mann, der seinem Spiegelbild die Hand schüttelt auf „Wish you were here“.

So war es also nicht verwunderlich, dass sich das Interesse damals an einem Album von David Gilmour in Grenzen hielt, da selbst manche Floyd-Fans mit dem Namen nichts anfangen konnten. Das änderte sich dann aber Mitte der 80er Jahre, als Roger Waters die Band verliess und es zu einem jahrelangen Streit, sowohl auf gerichtlicher, als auch auf privater Ebene, zwischen Waters und den drei anderen Bandmitgliedern kam. Plötzlich gerieten die Namen und auch die dazu passenden Gesichter in den Fokus. Im Nachhinein kann man sagen, dass es vor allem Gilmour nicht geschadet hat.

Die beiden Floyd-Alben, die dann ohne Roger Waters und mit David Gilmour als alleinigem Frontmann entstanden, „A Momentary Lapse of Reason“ (1987) und „The Division Bell“ (1994), waren kommerziell höchst erfolgreich. Alleine „The Division Bell“ verkaufte sich bis heute weltweit über 17 Millionen Mal. Während Keyboarder Richard Wright und Schlagzeuger Nick Mason nach der „Division World Tour“ 1994 immer wieder davon sprachen, bald wieder ins Studio zu gehen, um ein neues Floyd-Album aufzunehmen, hatte sich Gilmour mental bereits von der Band verabschiedet. Anfang der 2000er Jahre bemerkte Gilmour in einem Interview, dass er die Band nur aus rechtlichen Gründen nicht für beendet erklären kann. In einem aktuellen Interview gab er dann zu, dass er für sich den Schlussstrich für die Band Pink Floyd bereits 1994 nach der letzten Tour gezogen hat. Mittlerweile hat er auch offiziell die Band Pink Floyd für beendet erklärt.

Gilmour war nach „The Disivion Bell“ zwar nicht untätig, er fungierte immer wieder als Gast-Musiker auf den Alben befreundeter Kollegen und gab selbst auch mehrere Konzerte, dennoch dauerte es bis 2006, bevor ein neues David-Gilmour-Album das Licht der Welt erblickte. „On An Island“ entwickelte sich zum Top-Seller, wurde in seiner Heimat Großbritannien sogar mit Platin ausgezeichnet. Die darauffolgende Tour war ebenfalls ein großer Erfolg. Es waren auch die letzten Live-Auftritte von Richard Wright, der seinen alten Band-Kollegen Gilmour auf der Tour begleitete. Wright starb 2008 an den Folgen seiner Krebserkrankung.

Eigentlich wollte Gilmour nur drei, vier Jahre nach „On An Island“ wieder ein Album veröffentlichen, aber daraus sind nun neun Jahre geworden. Quasi dazwischen geschoben hat er noch das Floyd-Album „The Endless River“, welches Ende 2014 erschien und die Aufnahmen der Jam-Sessions zum „The Division Bell“-Album von 1993 enthielt.

Der rote Faden von „Rattle That Lock“ ist der Verlauf eines Tages. Also eine Person wacht morgens auf und hat im Laufe des Tages verschiedene Gedanken, bis sie abends wieder ins Bett geht. So beginnt das Album mit dem Instrumental-Stück „5 A.M.“, auf dem Gilmour seinen glasklaren Gitarrenklang ertönen lässt, begleitet von der erwachenden Natur. Es gibt ein kurzes, musikalisches Motiv, welches dann auch im letzten Stück auf dem Album wieder auftaucht und so den Rahmen um die Songs bildet.

Die Idee zur Musik des Songs „Rattle That Lock“ kam Gilmour auf dem Bahnsteig eines französischen Bahnhofes. Dort wird zur Ankündigung einer Durchsage ein kurzes Jingle gespielt, welches aus vier Noten besteht. Gilmour war laut eigener Aussage fasziniert von dieser Notenabfolge und nahm sie mit seinem Smartphone auf. Im Studio komponierte er dann ein Musikstück zu diesen vier Noten. Der Text des Songs stammt von seiner Frau Polly Samson, die bereits auf dem Floyd-Album „The Division Bell“ an den Texten mitarbeitete. Pollys Text ist inspiriert von John Miltons „Paradise Lost“, doch trotz des eher düsteren Textes ist die Musik ziemlich flott und beschwingt für Gilmour-Verhältnisse. Diesen Umstand kommentierte Gilmour mit „It’s not all doom and gloom.“.

„Faces of Stone“ ist dann eine alleinige Gilmour-Komposition. Im Text geht es um einen Spaziergang, den Gilmour mit seiner demenzkranken Mutter im Park unternommen hat. Es ist wie ein letztes Aufbäumen der Erinnerungen, bevor diese nach und nach verschwinden. Gilmour verbindet die Verszeilen zuerst mit einem Piano-Motiv, bevor dann beim zweiten Mal seine Gitarre einsetzt.

„A Boat lies waiting“ ist ein Abschied für Richard Wright. Die Piano-Melodie hat Gilmour bereits vor 18 Jahren geschrieben, als sein jüngster Sohn Gabriel wenige Monate alt war. Gabriel ist mit seinem Babylauten auch kurz am Anfang des Songs zu hören, bevor Richard Wright wie aus der Ferne spricht: „It’s like going to the sea. There is nothing.“. Diese Zeilen kann man natürlich auf den Tod, beziehungsweise das Sterben ummünzen. Wright war ein großer Bewunderer des Meeres. Er hatte ein Ferienhaus in Griechenland und liebte es, mit seinem Boot um die griechischen Inseln zu segeln. Sein erstes Solo-Album aus dem Jahre 1978 trägt den zweideutigen Titel „Wet Dream“ und auf dem Cover ist auch das Meer und der Teil eines Bootes zu sehen. Auch auf seinem Solo-Album „Broken China“ von 1996 gibt es mit „Along the Shoreline“ einen „Meer-Song“.

Den Song „A Boat lies waiting“ bestreitet Gilmour mit der Unterstützung von David Crosby und Graham Nash (von Crosby, Stills and Nash), die mit Gilmour im Chor singen.

„Dancing right in front of me“ ist ein Song über das Dasein als Vater. Die Musik an sich hat bereits einen leichten Jazz-Einschlag, was später auf dem Album noch stärker auftauchen wird.

Mit „In Any Tongue“ betritt Gilmour dann für ihn relativ ungewöhnliches Gebiet. Der Anfang des Songs klingt mit seinem Arrangement wie eine Neuaufnahme seines Songs „Comfortably Numb“ aus Pink Floyds „The Wall“. Im Text geht es um einen Soldaten, der seine Taten, das Bombardieren vermeintlicher Feinde, bereut, als er sieht, was er angerichtet hat, wenn es im Text heisst, dass „Mama“ in jeder Sprache das gleiche bedeutet. Diese Thematik vermutet man eher bei seinem Ex-Kollegen Roger Waters. Der Song klingt aus mit einem leidenschaftlichen Gitarren-Solo von Gilmour. Die hohen Töne, die Gilmour auf seiner Gitarre spielt, klingen fast wie die verzweifelten Schreie der Opfer und rücken den Song damit endgültig in die Nähe seiner früheren Band Pink Floyd.

Mit „Beauty“ bekommen wir dann wieder ein Instrumentalstück geboten, welches mit seinem leichten Funk-Rhythmus ebenfalls eher ungewöhnlich für Gilmour ist, der seine Gitarre hier wieder in den höchsten Tönen „singen“ lässt.

Der leichte Jazz-Einschlag von „Dancing right in front of me“ wird nun in „The Girl in the yellow dress“ endgültig zum Jazz-Song. Ein swingender, rauchiger Bar-Song, inklusive Saxophon, für den Jools Holland das Jazz-Piano spielte.

„Today“ ist dann wieder ein vorwärtsgehender Song, ähnlich Gilmours „Take a Breath“ auf „On An Island“. Laut Gilmour besteht der Song aus drei Teilen, die ursprünglich nichts miteinander zu tun hatten. In seinem Archiv hat David unzählige Bänder mit Demo-Aufnahmen liegen. Manchmal sind es halbfertige Songs, manchmal nur kurze Gitarren-Riffs. Und daraus bastelte Phil Manzanera (von Roxy Music), der das Album mit Gilmour co-produzierte, diesen Song, indem er drei Demos zusammenfügte.

Der Schlusstrack „And then…“ ist die Fortsetzung des instrumentalen Intros „5 A.M.“. Hier taucht das Motiv aus der Musik vom Anfang wieder auf. Gilmours sanftes Spiel wird dieses Mal von Bass und Schlagzeug begleitet, bevor das Album mit den Klängen des von Zbigniew Preisners arrangierten Orchesters ausklingt.

„Das klingt mir zu wenig nach Pink Floyd.“ ist eine Aussage, die ich häufig in Bezug auf „Rattle That Lock“ gelesen habe. Nun gut, es ist ja auch nicht Pink Floyd, trotz dem die Plattenfirma nicht müde wird, auf jedes Gilmour-Album einen Sticker mit der Aufschrift „The Voice & Guitar of Pink Floyd“ zu pappen. Wer mit solchen Erwartungen an ein Gilmour-Album herangeht, ist selbst schuld, wenn er enttäuscht wird. David macht sein Ding, was er auf seinen bisherigen Solo-Alben auch gemacht hat. Er probiert immer wieder neue Dinge aus. Man denke nur an den Disco-Song „Blue Light“ auf seinem Album „About Face“ von 1984 oder an „Red Sky at Night“ von „On An Island“, auf dem Gilmour selbst das Saxophon spielt. Auf „Rattle That Lock“ fügt er seinem Repertoire nun Jazz hinzu, auch wenn die Puristen natürlich sagen, dass „The Girl in the yellow dress“ kein echter Jazz ist. Im Gegensatz zu Roger Waters, der seit 1992 kein Studio-Album mehr veröffentlicht hat und seitdem nur mit altem Floyd- und Solo-Material tourt, kommt Gilmour immerhin alle paar Jahre mit etwas Neuem um die Ecke.

„Rattle That Lock“ ist nun sicherlich keine Offenbarung. Es ist das gediegen-entspannte Werk, manch einer würde wohl „langweilige Werk“ sagen, das man von Gilmour erwarten konnte. Mit dem poppigen „Rattle That Lock“, dem melancholischen „Faces of Stone“ und dem düsteren „In Any Tongue“ hat es drei durchaus starke Songs zu bieten. „Dancing right in front of me“, „Beauty“ und auch „Today“ empfinde ich als ein wenig schwächer, doch insgesamt sorgt das Album für einen wohligen Hörgenuss. Natürlich macht es Musik interessanter, wenn sie Ecken und Kanten hat, aber Gilmours Gitarrenspiel kann ich einfach stundenlang lauschen und da ist es mir dann ziemlich egal, ob die Musik dazu nun besonders raffiniert oder ungewöhnlich ist.

Das Album erschien in diversen Ausführungen. Für Fans ist natürlich die Box mit der DVD/Blu-ray Pflicht. Darauf bekommt man nicht nur das Album in einer 5.1 Abmischung, sondern auch eine Menge Hintergrundinformationen über die Entstehung des Albums, sowie die Videos zu „Rattle That Lock“ und „The Girl in the yellow dress“.

Im Floyd-Song „Wish you were here“ heisst es

And did you exchange
A walk on part in a war
For a lead role in a cage?

Den Pink-Floyd-Käfig hat Gilmour schon lange verlassen und auch die aus einem Käfig davonfliegenden Vögel auf dem Album-Cover von „Rattle That Lock“ zeugen davon, dass sich hier jemand nicht nur an seiner Vergangenheit messen lassen will. Also, rüttelt am Schloß und werdet die Ketten los!

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