Is there anybody out there? ROGER WATERS THE WALL

Quelle: neptunepinkfloyd.co.uk

„The Wall“ ist sicherlich neben „Dark Side of the Moon“ das populärste Album von Pink Floyd, sprich, auch Menschen, die keine Fans der Band sind, kennen die Titel und wahrscheinlich sogar das Artwork. Das Album erschien Ende 1979 und verkaufte sich bis heute über 33 Millionen Mal, was es zum kommerziell erfolgreichsten Doppel-Album aller Zeiten macht.

Roger Waters, damals Bassist und Sänger der Band, entwickelte sich im Laufe der 1970er Jahre zum Mastermind von Pink Floyd. Er schrieb alle Texte und war die treibende Kraft hinter den Konzepten der einzelnen Floyd-Alben. Gleichzeitig aber drängte er damit die anderen Bandmitglieder immer weiter zurück, was nach Jahren der inneren Spannungen und Streitigkeiten, besonders mit Gitarrist und Sänger David Gilmour, zu Rogers Ausstieg aus der Band im Jahre 1985 führte. Der negative Geist von „The Wall“ hatte die Band aber bereits bei der Entstehung des Albums fest im Griff. Keyboarder Richard Wright hatte zu diesem Zeitpunkt ein massives Drogenproblem und war deshalb nicht sonderlich kreativ. Das war Waters ein Dorn im Auge und er stellte Rick vor die Wahl: Entweder er verlässt die Band nach „The Wall“ oder Waters würde „The Wall“ als Solo-Projekt veröffentlichen. Rick willigte ein, die Band zu verlassen. Bei den Aufnahmen zum Album war er daher nur noch ein besserer Studiomusiker. Mit David Gilmour zoffte sich Waters ständig um jede Kleinigkeit und jede Nuance. Nick Mason sah sich das Ganze von hinter dem Schlagzeug aus an und versuchte zu vermitteln, wo es noch ging. Von Gilmour stammen dann immerhin noch drei Stücke auf dem Album, „Young Lust“, „Run Like Hell“ und natürlich das grandiose „Comfortably Numb“, wobei die Texte natürlich immer von Waters sind. Aber insgesamt trug Gilmour natürlich wesentlich mehr zum Ergebnis bei, in seiner Funktion als Co-Produzent und natürlich als Musiker. So stammt das berühmte Gitarren-Solo am Ende von „Another Brick in the Wall Part II“ von ihm, sowie diverse andere Sachen.

„The Wall“ handelt von dem Rockmusiker Pink, der durch negative Erfahrungen in seinem privaten und beruflichen Leben langsam eine Mauer um sein Innerstes aufgebaut hat. So gibt es verschiedene Ereignisse, die Steine in der Mauer sind („Another Brick in the Wall“), wie der Verlust des Vaters im Zweiten Weltkrieg, die dadurch überfürsorgliche Mutter, der Lehrer, der nicht die Individualität der Schüler fördert, sondern diese zu einer einheitlichen, gleichen Masse formen will, bis hin zur Trennung von der Ehefrau, die mit dem introvertierten Wesen Pinks nichts anfangen kann und ihn deshalb für einen anderen Mann verlässt.

All diese Dinge vervollständigen die Mauer um Pinks Innerstes und als er sozusagen in sich gefangen ist, richtet er seinen Hass und seine Wut gegen alles, was anders ist als er selbst. Er „stirbt“ und „verwest“ sozusagen innerlich („Waiting for the Worms“) und durchlebt in seinem Kopf eine Verwandlung in ein faschistoides Wesen („Comfortably Numb“). In einer schwarzen Uniform, deren Arm eine rote Binde ziert, auf der zwei gekreuzte Hammer zu sehen sind, steht er in einer großen Halle auf der Bühne und spricht zu seinen Anhängern, die ebenfalls diese Uniformen tragen. Das ist gleichzeitig auch eine Parallele zu einem Sänger auf der Bühne, der vor seinen Fans steht.

Durch seine Rede aufgeheizt ziehen er und seine Anhänger zerstörend und vergewaltigend durch die Straßen („Run Like Hell“), bevor sich sein Innerstes wieder meldet („Stop“). Danach durchlebt er in seiner Fantasie einen Gerichtsprozess, bei dem die Beteiligten an seiner Misere, der Lehrer, die Mutter, die Frau, aussagen, bevor der Richter am Ende das Urteil verhängt, die Mauer einzureissen („The Trial“). Am Ende steht Pink dann innerlich „nackt“ da und muss sich der Welt da draussen stellen („Outside the Wall“).

„The Wall“ trägt viele autobiographische Züge. So verlor Waters seinen Vater tatsächlich im Zweiten Weltkrieg und auch die Schulzeit war für Waters nicht einfach. Im Film gibt es gegen Ende eine Szene, in der sich Pink rasiert. Er fängt mit dem Bart an, rasiert sich dann aber auch noch die Brusthaare und die Augenbrauen. Das wiederum ist eine Anspielung auf Syd Barrett, Gründer und erster Sänger von Pink Floyd, der die Band bereits 1968 verliess und sich tatsächlich die Augenbrauen abrasierte, sowie sich den Kopf kahl schor.

Von Roger Waters als Doppel-Album, Tour und Kinofilm konzipiert, ist „The Wall“ sicherlich eine der spektakulärsten Rock-Erfahrungen der Musikgeschichte. Die Band machte bei ihrer Tournee 1980/1981 trotz ausverkaufter Hallen keinen Gewinn, im Gegenteil. Die horrenden Kosten für die Show, die von den Bandmitgliedern zu großen Teilen selbst getragen wurden, wurden einfach nicht durch die Einnahmen gedeckt. Somit war Rick Wright kurioserweise der Einzige der Floyd, der an der Tour verdiente, da er nicht mehr offizielles Mitglied der Band war und als Konzertmusiker bezahlt wurde.

Begonnen hat alles 1977, als die Floyd während ihrer ANIMALS-Tour zum ersten Mal in großen Stadien spielten. Waters empfand das immer als Belastung, kamen ihm die Menschenmassen bei diesen Konzerten doch eher wie ein großes, brüllendes Monster vor. Beim Konzert in Montreal passierte es dann. Das große Monster brüllte und schoss Feuerwerkskörper ab, statt auf die Musik zu hören, Roger rastete aus und spuckte einem Fan, der in der ersten Reihe betrunken vor sich hin brüllte, ins Gesicht. Hinterher war Roger von seinem Verhalten schockiert und er ersann die Idee, eine Mauer zwischen der Band und dem Publikum zu bauen.

Das sollte dann auch das Bühnenkonzept werden. Während der ersten Hälfte des Konzertes stand die Mauer halb fertig bereits da und wurde von den Roadies im laufenden Konzert immer weiter aufgebaut, bis sie vollständig war. In der zweiten Hälfte befand sich die Band also hinter der Mauer, das Publikum davor und erst am Ende stürzte die Mauer dann ein. Dazu gab es riesige Projektionen der Zeichentrick-Sequenzen, die Gerald Scarfe entworfen hat und die auch im Film zu sehen sind, sowie riesige Marionetten, wie den Lehrer, die auf der Bühne herumliefen.

Nachdem Waters die Band 1985 verlassen hatte, folgten viele Jahre rechtliche Auseinandersetzungen mit seinen drei Ex-Kollegen. Unter anderem wollte er ihnen gerichtlich verbieten, den Namen Pink Floyd weiter zu benutzen. Als man sich irgendwann schliesslich einigte, gehörte zu dieser Einigung auch, dass die anderen Bandmitglieder Roger die Rechte für „The Wall“ überliessen. 1990 gab es dann zum ersten Mal das Konzert „Roger Waters The Wall“ auf dem ehemaligen Todesstreifen zwischen der DDR und der BRD, zu dem 300.000 Menschen kamen.

Vor ein paar Jahren überarbeitete Roger „The Wall“ ein wenig, machte es nicht nur politischer, sondern insgesamt auch universaler und ging damit dann auf Welttournee. Es wurde die wohl spektakulärste Rock-Show, die man je gesehen hat. Und daraus entstand nun dieser Konzertfilm, der am 29. September weltweit zum ersten und einzigen Mal in den Kinos lief.

Es war anders, als ich erwartet habe. Die Bezeichnung „Documentary“ beim Trailer trifft zumindest halb zu. Zwar bekommt man das komplette Konzert zu sehen, davor, dazwischen und danach sieht man aber immer wieder Szenen von Roger, der in einem Wagen durch einsame Landschaften fährt, um sowohl das Soldatengrab seines Großvaters in Frankreich, als auch die Gedenktafel mit dem Namen seines Vaters in Italien zu besuchen. Dabei spielen seine Gedanken, sowie der Gedankenaustausch mit alten Freunden und seinen Kindern eine große Rolle.

Für einen Konzertfilm war er eigentlich ganz schön deprimierend, aber nicht unbedingt im negativen Sinne. Waters hat „The Wall“ dahingehend verändert, dass nun der Kriegsaspekt den Hauptteil der Show einnimmt. Die Reise in die Psyche eines desillusionierten Rockstars spielt eigentlich nur noch am Rande eine Rolle. So werden nicht nur Fotos von echten Kriegstoten auf die riesige Mauer projeziert, inklusive Namen, Geburts- und Todestag inklusive Ort, sondern auch Videos heimkehrender Soldaten, die ihre Kinder in die Arme schliessen. Diese Anti-Kriegs-Breitseite fährt Roger fast durchgehend, nur bei Songs wie „Young Lust“ oder auch „Comfortably Numb“ sieht man mal keine Kreuze oder Fotos vom Krieg. Das mag manchem vielleicht etwas zu viel des Guten sein, ich fand es aber auf eine hypnotisierende Art sehr berührend.

Musikalisch macht seine Band eine gute Figur, auch wenn die Gitarren-Soli einfach nicht so sitzen wie bei Gilmour. Auch für den Sänger, der Gilmours Parts übernimmt, hätte ich mir eine ausdrucksstärkere Stimme gewünscht. Nur bei „Comfortably Numb“ kommt diese mal richtig zu Geltung. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Mir hat es gefallen, wenn man das in diesem Fall so sagen kann und wer es verpasst hat, kann es sicherlich bald im Heimkino nachholen.

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