The Story of Elisa – THE SHAPE OF WATER

Quelle: frontrowcentre.com

Als „mexikanischer Peter Jackson“ wird Regisseur Guillermo del Toro gerne bezeichnet. Dabei bezieht sich diese Aussage sowohl auf sein Äußeres, als auch auf die Wahl seiner Filmstoffe. Tatsächlich haben beide eine Vorliebe für Horror, Fantasy, aber auch Märchen. Bei Peter Jackson ist das etwas stärker ausgeprägt durch seine frühen Filme BAD TASTE, BRAINDEAD und MEET THE FEEBLES, die Splatter-Horror und Komödie in einem sind. In HEAVENLY CREATURES zeigte Jackson dann seine märchenhafte Seite, auch wenn der Film thematisch eher düster ist. In die gleiche Kerbe schlägt dann auch sein Film THE LOVELY BONES, den er dann schon nach seinem Welterfolg mit LORD OF THE RINGS drehte.

Del Toros erste Filme sind auch eher dem Horrorgenre zuzuordnen. Nach dem Vampirdrama CRONOS, den del Toro noch in Mexiko drehte, folgte 1997 MIMIC, sein erster US-Film. Auch mit THE DEVIL’S BACKBONE blieb del Toro dem Genre treu, was ihn dann zu Filmen wie BLADE II und HELLBOY führte. Seinen endgültigen Durchbruch feierte del Toro dann mit PAN’S LABYRINTH, einem Film, der ebenfalls Elemente des Märchens und des Horrors, vor einem realen geschichtlichen Hintergrund, miteinander verwebt. Danach wagte er sich in den Bereich des Blockbusters, mit HELLBOY II und PACIFIC RIM. Besonders letzterer scheint so gar nicht in del Toros Welt zu passen, geht es darin doch um riesige, von Menschen gesteuerte Roboter, die gegen ebenso riesige Kreaturen aus dem Meer kämpfen. Und da liegt gleichzeitig der Unterschied, wie auch die Gemeinsamkeit mit Peter Jackson. Jackson konnte schon einige kommerzielle Megahits verbuchen, während del Toros Filme zwar meist auch gut Geld einspielen, aber bisher nie in die Höhen eines Peter Jackson vorgedrungen sind. Gleichzeitig bezieht sich das bei Jackson aber auch „nur“ auf seine Fantasy-Spektakel, während seine kleineren Filme, wie THE FRIGHTENERS und eben auch THE LOVELY BONES, an den Kinokassen eher untergegangen sind. Auch del Toros letzter Film, das Gruseldrama CRIMSON PEAK, floppte im Kino trotz prominenter Besetzung.

Quelle: skip.at

THE SHAPE OF WATER spielt in Baltimore, USA, zu Beginn der 1960er Jahre. Eine genaue Jahreszahl wird nicht genannt, aber aufgrund einiger erwähnter Ereignisse (die Sowjetunion hat bereits ein bemanntes Raumfahrtprogramm, aber die USA sind noch nicht auf dem Mond gelandet) kann man die Geschichte ungefähr dort verorten. Die stumme Elisa lebt alleine über einem nur wenig besuchten, alten Kino. Gleich nebenan wohnt der ältere, homosexuelle Künstler Giles, mit dem sie eng befreundet ist. Elisa wurde als Kind im Wasser an einem Flussufer ausgesetzt und wuchs in einem Waisenhaus auf. Sie verständigt sich durch Gebärdensprache. Jeder Tag beginnt für Elisa gleich. Ihr Wecker klingelt, sie steht auf, sie geht baden und masturbiert auch gleich in der Wanne, sie macht Frühstück für Giles und bringt es ihm, bevor sie zur Arbeit geht. In einem geheimen US-Labor arbeitet sie als Putzkraft und hat auch dort nur eine richtige Freundin, die resolute farbige Zelda, die auch immer wieder als Übersetzerin für Elisa fungiert. Eines Tages erscheint der Sicherheitschef Strickland mit einem seltsamen Wesen im Labor. In einem Wassertank schwimmt eine Kreatur, halb Mensch, halb Amphibie, die Strickland am Amazonas gefangen hat, wo sie wie ein Gott verehrt wurde. Durch ihre Fähigkeit, gleichzeitig im Wasser und an Land atmen zu können, erhofft sich Strickland neue Erkenntnisse, um das Weltraumprogramm der USA entscheidend vorantreiben zu können und die Russen so zu schlagen.

Quelle: indiewire.com

Elisa ist vom ersten Moment an fasziniert von dem Wesen. Sie schleicht sich immer wieder heimlich ins Labor, bringt dem Wesen Essen in Form von Eiern, spielt ihm Musik vor und lehrt es die Gebärdensprache. So entwickelt sich eine romantische Beziehung zwischen Elisa und dem Wesen. Doch das Glück ist nicht von langer Dauer. Der rücksichtslose Strickland misshandelt das Wesen mit einem elektrischen Viehtreiber, nachdem er von General Hoyt unter Druck gesetzt wurde, endlich Ergebnisse zu liefern. Nicht nur Elisa wird Zeugin dieses Vorfalls, sondern auch der leitende Wissenschaftler Dr. Hoffstetler, der aber in Wahrheit für die russische Seite spioniert, die ebenfalls an dem Wesen interessiert ist. Als General Hoyt und Strickland dann beschließen, das Wesen zu töten, um durch die Autopsie weitere Informationen zu seiner Beschaffenheit zu bekommen, fasst Elisa den Plan, die Kreatur zu retten.

Was mir vom ersten Moment an aufgefallen ist: Der Look des Filmes ist eigentlich eher der eines französischen, denn eines amerikanischen Filmes. Besonders die Filme Jean-Pierre Jeunets (DELICATESSEN, CITY OF THE LOST CHILDREN, DIE FABELHAFTE WELT DER AMÈLIE) scheinen hier del Toros Vorbild gewesen zu sein. Und tatsächlich hat seine Hauptfigur Elisa auch etwas von Amèlie, wie die alltägliche Morgenroutine oder auch das leicht verträumt-entrückte Wesen. Elisa ist allerdings die erwachsene Variante von Amélie, wenn man es so ausdrücken kann. Ihr morgendlicher Akt der Selbstbefriedigung nimmt ihr ein wenig den märchenhaft-niedlichen Charakter und verankert sie so stärker in der realen Welt.

Quelle: skip.at

Der Film feiert den Zusammenschluss der Außenseiter. Es sind die stumme Elisa, der schwule Giles und die farbige Zelda, die gegen das Unrecht aufbegehren. Das Amerika der 60er Jahre wird durch den Sicherheitschef Strickland dargestellt. Er verkörpert den privilegierten, frauenfeindlichen, rassistischen, latent gewalttätigen, dabei aber bibeltreuen Weißen, der nur sein eigenes Fortkommen im Auge hat. Überhaupt ist Religion ein Teil dieser Welt. Während Strickland die Bibel auswendig kennt, vor allem das Alte Testament, und es für ihn dennoch kein Widerspruch zu seinem christlichen Glauben ist, andere Menschen, besonders Frauen und Farbige, wie Dreck zu behandeln, läuft in dem Kino, über dem Elisa wohnt, der Film THE STORY OF RUTH. Die Geschichte von Rut stammt aus der Bibel, aus dem Alten Testament. Bis heute wird sie in vielerlei Hinsicht interpretiert. Besonders häufig erkennt man darin eine Verbindung starker Frauen. Feministinnen sehen darin gar ein frühes Modell lesbischer Beziehungen. Allgemein wird die Geschichte von Rut aber als eine Geschichte interpretiert, die die Ausgeschlossenen, Unterdrückten und Ausgestoßenen zu Helden macht. Damit ist sie natürlich eine hervorragende Parabel für del Toros Film.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Darstellung des „hässlichen“ Amerikas als zukunftsträchtige Idee, zumindest aus der Sicht von Leuten wie Strickland und General Hoyt. Elisas Freund Giles ist ein begabter Maler und Zeichner. In dieser Funktion entwirft er auch immer wieder Werbeplakate für verschiedene Produkte. Bei seinem alten Arbeitgeber wurde er entlassen, aber er hofft, dort wieder eine Anstellung zu finden. Doch seine Zeichnungen und Malereien, obwohl sie gut sind, gehören für seine ehemaligen Arbeitgeber der Vergangenheit an. Fotografien sind die Zukunft. Das wird auch deutlich gemacht durch den Werbespruch der grünen Götterspeise, für die Giles ein Plakat entworfen hat: „The Future is here“. Mit dem Begriff der Zukunft wird dann auch immer wieder Strickland in Verbindung gebracht. Nicht nur serviert ihm seine Frau später genau diese grüne Götterspeise, auch beim Kauf seines neuen Autos, eines Cadillacs, becirct ihn der Verkäufer mit dem Spruch, dass dies das Auto für den Mann der Zukunft ist. Doch diese Zukunft verfault bereits von innen heraus, im wahrsten Sinne des Wortes. Das Wesen beißt Strickland zwei Finger ab, die Elisa dann im Labor findet, woraufhin sie Strickland wieder angenäht werden. Doch sein Körper nimmt die Finger nicht mehr an und so werden sie langsam schwarz und faulen vor sich hin, während Strickland immer mehr Tabletten gegen die Schmerzen schluckt. Die Männer, die sich für die Zukunft halten, erkennen nicht, dass ihre Zeit bereits abgelaufen ist und ein neues Zeitalter anbrechen wird. So beschädigen Elisa, Giles und Zelda nicht nur symbolisch Stricklands Cadillac mit ihrem kleinen Bus, als sie das Wesen aus dem Labor befreien.

Quelle: theverge.com

Während das Wesen von Strickland als Anomalie oder auch Abfallprodukt wahrgenommen wird, da Gott den Menschen nach seinem Vorbild erschaffen habe und das Wesen eben kein Mensch ist, erkennt Elisa sich selbst in dem Wesen wieder. Auch sie kann nicht sprechen, fühlt sich alleine und als Außenseiter und hat ebenfalls eine Verbindung zum Wasser durch ihre Kindheit. Aus ihrer Zuneigung zu dem Wesen wird eine starke Liebe. Das Wasser könnte sowohl die Reinheit ihrer Liebe darstellen, wie auch den Quell des Lebens, ebenso wie die Eier, die Elisa dem Wesen bringt, als Symbol des Lebens stehen. Während man sich als Zuschauer vielleicht fragt, wie so eine Zuneigung zwischen einer Frau und einem körperlich so fremdartigen Wesen überhaupt entstehen sollte, ist Elisa bereits über dieses Stadium der Äußerlichkeiten hinaus. Sie hat die Grenzen der Oberflächlichkeiten, des Äußeren, hinter sich gelassen und beide, Elisa und das Wesen, für das Elisa umgekehrt ja auch andersartig ist, erkennen ihre seelische Verbundenheit. Eine Erkenntnis, zu der die nur auf Oberflächlichkeiten fixierte Welt eines Strickland, nicht fähig ist. So wirkt die Sexszene zwischen Elisa und dem Wesen zuerst vielleicht befremdlich, aber letztendlich doch rein, weil sich hier zwei geschundene Seelen miteinander verbinden. Und auch dies ist ein krasser Gegensatz zu der Szene, in der Strickland mit seiner Frau Sex hat. Deren Sex wirkt unpersönlich, brutal und dient nur einer einseitigen Befriedigung und Machtstellung.

Sally Hawkins spielt Elisa mit Bravour. Sie muss ihre Gefühle ohne Sprache transportieren und schafft das auf sehr eindrucksvolle Weise. Ihre Liebe, sowie ihre Entschlossenheit, sind immer wieder in ihren Augen zu sehen. Ebenfalls erwähnenswert ist Michael Shannon, der Strickland wirklich als widerlichen Unsympathen spielt. Auch seine Augen spiegeln seine Emotionen, den Hass und die innerliche Leere wider. Doug Jones steckt im Kostüm des Amphibienmenschen, was deshalb interessant ist, weil er schon in del Toros HELLBOY-Filmen mit der Figur des Abe Sapien ein Wasserwesen darstellte. Das Erscheinungsbild von Abe Sapien ist dem des Amphibienmenschen durchaus ähnlich, obwohl hier noch ein wenig mehr von dem Monster aus dem klassischen Horrorfilm CREATURE FROM THE BLACK LAGOON zu finden ist.

Quelle: mentalfloss.com

Für die Musik holte sich del Toro diesmal den Franzosen Alexandre Desplat. So, wie der Look des Filmes eher an eine französische Produktion erinnert, so glaubte sich wohl auch Desplat in einem französischen Film. Zumindest taucht ein Akkordion in seiner Musik auf, was nun mal thematisch und auch örtlich eigentlich nichts mit der Geschichte zu tun hat. Dennoch funktioniert es in der Musik, die von einem verspielten Hauptthema, welches für Elisa steht, getragen wird. Dieses Thema ist dann auch das prägnanteste Musikstück im Film, von einigen Songs mal abgesehen. Für die Bösewichter, allen voran natürlich Strickland, schrieb Desplat ein düsteres Streichermotiv. Während die Musik im Film passagenweise ganz verschwindet, kommt sie zum Finale noch einmal groß heraus. Dabei setzt Desplat allerdings nicht auf die ganz große musikalische Geste, mit schmachtenden Streichern und Chören, sondern untermalt die Bilder fast schon zurückhaltend, was man nun gut oder schlecht finden kann. Ein Album mit seinem Score ist bereits erschienen.

Quelle: amazon.de

THE SHAPE OF WATER ist ein Märchen für Erwachsene. Dazu passen auch die vielen doch recht blutigen Passagen des Filmes. Del Toro sagte in einem Interview zum Film: „Ich nenne ihn „ein Märchen für unruhige Zeiten“, weil er als eine Art Salbe gegen die Welt wirkt, in der wir jeden Morgen mit schlechteren Nachrichten aufwachen.“ Leider verrät das Kinoplakat im Grunde schon das Ende des Filmes, der inhaltlich dann doch ohne große Überraschungen daher kommt. Es passiert eigentlich alles so, wie man es sich denkt. Aber man sollte sich tatsächlich nicht so sehr auf die Geschichte konzentrieren, sondern mehr auf die Aussage dahinter. Dass eine reine Form von Liebe, die auch gegen alle Widerstände besteht, heute noch möglich ist, ist dann doch ein hoffnungsvoller Gedanke.

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