Der Anfang eines Universums – GLASS

Quelle: filmstarts.de

„Was wäre, wenn Superman auf der Erde wäre, er aber nicht wüsste, dass er Superman ist?“. Dieser Frage ging M. Night Shyamalan im Jahr 2000 in seinem Film Unbreakable nach. Und auf gewisse Weise lässt sich auch diese Frage auf den Film anwenden: „Was wäre, wenn Unbreakable der Auftakt zu einer Filmtrilogie wäre, aber niemand weiß davon?“.

Als Split dann 2016 in die Kinos kam, war es zunächst nur ein neuer Shyamalan-Film und erst die Szene im Diner am Ende enthüllte, dass Unbreakable und Split im gleichen Film-Universum spielen. Der Regisseur enthüllte dann auch, dass die Figur des Kevin Wendell Crumb bereits in Unbreakable auftauchen sollte, er das aber wieder verwarf, um sich auf die Figuren von Bruce Willis und Samuel L. Jackson zu konzentrieren. Nach ein paar kommerziellen Flops mit Filmen wie The Last Airbender und After Earth war Shyamalan mit dem Low-Budget-Film The Visit wieder in der Gunst der Zuschauer gestiegen. Auch Split wurde kommerziell ein großer Erfolg. Nun folgt mit Glass der Abschluß seiner ganz eigenen Superhelden-Trilogie, die zwei doch recht unterschiedliche Filme zusammenführt.

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David Dunn (Bruce Willis) hat seine Bestimmung akzeptiert und wandert als Beschützer (von den Medien „The Overseer“ genannt) nachts durch die Straßen von Philadelphia. Dabei hilft ihm sein Sohn Joseph (Spencer Treat Clark), mit dem er im ständigen Funkkontakt steht. Tagsüber führen die beiden einen eigenen Laden für Überwachungselektronik. Als David im Fernsehen von den Taten der Bestie erfährt, die nun vier Cheerleader entführt haben soll, macht er sich ebenfalls auf die Suche. Er findet die vier Mädchen und kann sie auch befreien, doch kommt es zu einer Konfrontation mit der Bestie. Bei ihrem Zweikampf werden sie jedoch von einer Spezialeinheit gefangen genommen und in eine psychatrische Anstalt gebracht. Dort werden sie der Obhut der Psychologin Dr. Staple (Sarah Paulson) übergeben, die sich auf Menschen spezialisiert hat, die glauben, sie seien Superhelden. Es kommen erste Zweifel auf, ob David und Kevin mit seinen vielen Persönlichkeiten tatsächlich Superhelden sind oder in Wirklichkeit nicht nur psychisch krank.

In der gleichen Anstalt befindet sich auch Elijah Price (Samuel L. Jackson), der seit den Ereignissen in Unbreakable in psychatrischer Behandlung ist. Vollgepumpt mit Betäubungsmitteln dämmert er in seinem Rollstuhl vor sich hin. Auch seine Mutter, die ihn immer wieder besucht, ist überzeugt, dass er aufgegeben hat. Doch sein Alter Ego Mr. Glass ersinnt bereits einen Plan.

Achtung, Spoiler!

Elijah hat seinen Plan, der Welt zu zeigen, dass es Superhelden gibt, nicht aufgegeben. Er täuscht die Ärzte, indem er seine Medikamente nicht nimmt und nur so tut, als befände er sich in diesem Dämmerzustand. Tatsächlich sieht er in Kevin, beziehungsweise der Bestie, die Möglichkeit, seinen Plan doch noch in die Tat umzusetzen. Es muss zu einem Zweikampf zwischen David und der Bestie kommen und das vor den Augen der ganzen Welt. Dann würden alle wissen, dass Superhelden real sind. Also verbündet er sich mit der Bestie und beide schaffen es, aus der Anstalt auszubrechen. Auch David gelingt es, aus seiner Zelle zu fliehen und auf dem Parkplatz der Anstalt kommt es zum Showdown.

Quelle: klatsch-tratsch.de

Der Film befasst sich mit den seit vielen Jahren populären Comic-Verfilmungen, beziehungsweise deren Fans. Immer wieder gibt es kleine Seitenhiebe auf diese Fanzirkel, wobei beide Seiten beleuchtet werden. Die Psychologin übernimmt dabei die Rolle der Skeptiker, die eher belustigt auf die Comic-Fans herab sehen und das alles als Kinderkram abtun. David, Elijah und Kevin nehmen die Rolle der Fans ein, die an sich, beziehungsweise ihre Helden, glauben. Und bis zum Kampf auf dem Parkplatz sieht es auch so aus, als belasse es der Film bei dieser Unsicherheit. Sind David, Elijah und Kevin wirklich Superhelden oder nur psychisch krank? Würde der Film dort enden, wäre das ein schönes, offenes Ende gewesen und jeder Zuschauer hätte die Frage für sich selber beantworten können. Denn Elijahs Plan war es eigentlich, den Showdown zwischen dem Helden und dem Bösewicht auf dem neuen Osaka Tower der Stadt stattfinden zu lassen, damit die ganze Welt sehen könne, dass Superhelden existieren. Aber dazu kommt es nicht, die anderen Patienten der Anstalt werden in einen anderen Teil des Gebäudes gebracht und so hätte es keine Zeugen gegeben für das, was da passiert ist. Elijahs Plan wäre also gescheitert.

Doch dann beginnt der Film, einige Haken zu schlagen, vielleicht zu viele. Es stellt sich heraus, dass die Psychologin in Wahrheit Teil einer Geheimgesellschaft ist, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Existenz von Superhelden zu verschleiern. Es müsse das Gleichgewicht erhalten bleiben, weshalb es keine Götter unter den Menschen geben könne. Und so werden von einer Spezialeinheit, die wie die Ärztin ein Kleeblatt am Handgelenk tätowiert haben, David und Kevin getötet. David wird ertränkt, da seine Schwäche Wasser ist und Kevin wird von einem Scharfschützen erschossen, als er nicht mehr die Bestie ist. Elijah stirbt ebenfalls, nachdem er von der Bestie angegriffen wurde. Davids Sohn Joseph hatte herausgefunden, dass in dem Zug, der damals verunglückte, nicht nur sein Vater saß, der als Einziger überlebt hat, sondern auch Kevins Vater. Und da Elijah das Zugunglück verursacht hat, rächt sich die Bestie nun an ihm. Es scheint also alles vorbei zu sein, niemand wird je von dem Vorfall erfahren. Doch Elijah hat die Überwachungskameras der Anstalt manipuliert und der ganze Showdown wurde live auf eine Webseite gestreamt. Und so werden die Aufnahmen von Joseph, Elijahs Mutter und der jungen Casey, der einzigen Überlebenden aus Split, ins Netz gestellt. Am Ende sitzen alle drei am Bahnhof und erleben mit, wie sich die Aufnahmen im Internet verbreiten. Elijahs Mutter sagt dann, es wäre der Anfang eines Universums, da es sicherlich nicht nur David, die Bestie und Mr. Glass da draußen gibt.

Das erste Drittel des Filmes ist wohl der Film, den sich viele erhofft haben. David spürt die Bestie auf und es kommt zum Kampf. Die komplette Mitte des Filmes spielt in der Anstalt. Hier lässt sich der Film dann viel Zeit für die Entwicklung der Geschichte, obwohl nicht ganz klar ist, worauf das Ganze nun eigentlich abzielt. Mit dem Plan, den Showdown der Superhelden auf dem Dach des Osaka Towers stattfinden zu lassen, zeigt Shyamalan dem Zuschauer dann eine lange Nase. Das wäre ein typischer Superheldenfilm-Showdown geworden, aber hat tatsächlich jemand geglaubt, dass Shyamalan so etwas durchziehen würde? Elijah wusste, dass sie es nie bis zu dem Tower schaffen würden, also führte er alle hinter’s Licht.

Quelle: gq.com.au

Das Ende am Bahnhof wird dann auch wie ein Aufbruch in eine neue Zeit gefeiert. Man sieht eine lange Kamerafahrt, die nach und nach mehr Leute zeigt, die die Videos sehen, die Musik schwillt an und als neues Dreigestirn sitzen Joseph, Elijahs Mutter und Casey mittendrin und halten sich bei den Händen. Aber wenn man länger darüber nachdenkt, ist das Ende eigentlich gar nicht so feierlich. Denn immerhin ist der Plan des Bösewichts aufgegangen und es ist ja durchaus sehr warscheinlich, dass die Menschen, die nun ihre speziellen Fähigkeiten entdecken, sie nicht nur zum Guten verwenden werden. Auf der anderen Seite hat das Gute in gewissem Sinne gesiegt. Die Ärztin wollte Mr. Glass, David und der Bestie ihre Identität nehmen. Sie wollte ihnen ihre Bestimmung nehmen und das hat Glass verhindert.

Die Geschichte von David Dunn fand ich insgesamt leider etwas zu unspektakulär. Glass und die Bestie machen eine weit größere Entwicklung durch und am Ende stirbt Dunn beim Ertrinken in einer Pfütze. Für ihn hätte ich mir einen etwas besseren Abschied gewünscht. Natürlich kommt es nicht von ungefähr, dass eigentlich alle drei keinen heldenhaften Tod sterben, aber nach allem, was David Dunn durchgemacht und wie er sich entwickelt hat seit dem ersten Film, war das schon ein recht hartes Ende.

Auch die Sache mit der Geheim-Organisation kommt aus dem Nichts und wirkt ein wenig wie einfach ans Ende gepackt, um noch einen Twist zu haben. Am Ende wird der Film insofern so, wie andere Superheldenfilme. Er verlässt das Terrain der Realität, um die Shyamalan in Unbreakable, Split und auch den ersten zwei Dritteln von Glass so bemüht war und alles wird etwas „too much“, um noch realistisch zu sein. Dass nun plötzlich alle an Superhelden glauben, nur weil sie die Videos online gesehen haben, ist ebenfalls weit hergeholt. Die erste Reaktion bei so etwas wäre wohl eher „Das ist doch ein Fake!“.

Die Geschichte um Kevins Vater, dass er im gleichen Zug saß wie David Dunn, fand ich nun nicht sonderlich spektakulär. Davon ging ich eigentlich schon seit Split aus, da es dort eine Szene gibt, in der Kevin Blumen am Bahnsteig niederlegt.

Gleichzeitig bleiben einige Fragen unbeantwortet. Was genau geschah, als Casey Kevin die Hände auflegte? Die Psychaterin meinte, dass auch eine starke Affinität oder aufrichtige Liebe eine starke Kraft sei. Bedeutet das, dass Casey auch spezielle Fähigkeiten hat? Es würde zu dem passen, was die Bestie immer wieder sagte. Nur die, die im Leben Schmerz erfahren haben, können ihr ganzes Potential ausschöpfen.

Quelle: inverse.com

Die beiden großen Comicstudios, Marvel und DC Comics, werden ebenfalls augenzwinkernd referenziert. Auf dem Cover eines Magazins, auf dem der Osaka Tower zu sehen ist, steht als Überschrift „A true Marvel“, was wohl auch ein Hinweis auf den vermeintlich spektakulären Showdown sein könnte, der bei Marvel sicherlich auf dem Tower stattgefunden hätte. Und am Ende am Bahnhof wird in einer Schlagzeile auf einem der Fernseher D.C. angezeigt, auch wenn damit natürlich Washington D.C. gemeint ist.

Spoiler Ende!

Dennoch hat mir der Film sehr gut gefallen. Die Darsteller gehen in ihren Rollen auf, besonders McAvoy und Jackson glänzen, sogar das müde Spiel von Bruce Willis, welches er nun schon seit vielen Jahren pflegt, passt hier tatsächlich mal, da es dem Charakter von David entspricht. Das Sound Design war in Dolby Atmos schon sehr beeindruckend und gab dem Film eine Spannung, die ständig über allem lag, auch ohne, dass wirklich viel passierte.

Zum Sound Design gehört in gewissem Sinne auch der Score, der wie bei Split wieder von West Dylan Thordson ist. Obwohl James Newton Howard von The Sixth Sense an über zehn Jahre lang Shyamalans Stammkomponist war, kam es nach ihrem bisher letzten gemeinsamen Film After Earth zum Bruch. Das ist sehr schade, da vor allem Howards Musik zu Unbreakable sehr prägend für den Film war. Aber da sich Shyamalan nun auch in eher moderaten Budget-Regionen bewegt, kommt ein James Newton Howard mit Orchester wohl auch finanziell nicht mehr unbedingt in Frage.

Für Split kreierte Thordson einen Score, der weniger auf Melodien und Themen setzte, als eher auf Klangcollagen, die mit dem Sound Design des Films verschmolzen. Besonders das metallische Quietschen, welches der Bestie zugeordnet werden kann, fiel dort auf. Auch in Glass funktioniert der Score auf diese Weise, fügt aber mehr melodische Elemente hinzu. So tauchen James Newton Howards Themen aus Unbreakable auch hier wieder auf. Kurioserweise werden im Abspann Titel genannt, die als „Basierend auf „Carrying Audrey“ aus „Unbreakable“ von James Newton Howard“ markiert sind, sowie auch Titel, unter denen nur „Composed and Produced by James Newton Howard“ stand. Ob das nun bedeutet, dass Howard doch Musik für den Film geschrieben hat, es gab Gerüchte in dieser Richtung, weiß ich leider nicht. Aber direkte Übernahmen von Musikstücken aus Unbreakable sind mir nicht aufgefallen.

Als Höralbum hat der Score leider wenig zu bieten. Die Klangcollagen wabern oft ziellos vor sich hin, die Themen von James Newton Howard platzen da schon regelrecht hinein und auch das große Finale, auf dem Album der Track „Origin Story“, maändert zehn Minuten lang fast unverändert vor sich hin. Der Track startet in der letzten Szene des Films und läuft dann über den ganzen Abspann. Da hätte ich mir dann doch ein emotionaleres, abwechslungsreicheres Stück gewünscht, als zehn Minuten lang nur immer wieder das gleiche. Das Album ist bisher nur digital erschienen.

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Sehr erwähnenswert ist die Bildgestaltung und Kameraführung. Die Shyamalan-Spezialitäten, wie lange Einstellungen oder Personen, die direkt in die Kamera sprechen, werden hier noch verstärkt durch eine intensive Farbgestaltung und Einstellungen, die bis in den Makrobereich hinein gehen. Näher kann man gar nicht mehr an einer Person dran sein, wie es Shyamalan und sein Kameramann Mike Gioulakis sind. Auch die Bildkompositionen stechen immer wieder heraus und werden nicht selten symbolisch aufgeladen.

Glass ist der erste Shyamalan-Film, der von zwei großen Studios gemeinsam finanziert wird. Das liegt nicht am Budget, der Film kostete ca. 20 Millionen Dollar, sondern daran, dass Unbreakable damals von Touchstone Pictures produziert wurde, Teil des Disney-Konzerns, und diese die Rechte am Film und seinen Figuren halten. Shyamalan brauchte sie also zur Zusammenarbeit, da er sonst die Figuren aus Unbreakable gar nicht hätte verwenden können. Das ist somit auch das erste Mal, dass Shyamalan seit The Village wieder mit Disney arbeitet. Damals kam es bei Lady in the Water zum Bruch zwischen ihm und dem Studio, da sie seiner Meinung nach seine Vision nicht verstanden, obwohl Disney bereit war, den Film zu finanzieren.

Glass ist herausragend gestartet, hat am ersten Wochenende weltweit bereits über 100 Millionen Dollar eingespielt. Wer im Vorfeld einen effektgeladenen Superheldenfilm erwartet hat, dürfte recht enttäuscht sein. Wie Unbreakable auch ist Glass hauptsächlich ein psychologisches Drama um die eigene Identität, um seinen Platz auf dieser Welt. Dennoch sind die Haken, die der Film am Ende schlägt und bei denen weniger wohl mehr gewesen wäre, typisches Shyamalan-Terrain. Seine Filme sind zwar meist große Kassenschlager, entziehen sich aber dem Hollywood-Mainstream immer wieder durch die Verschrobenheiten ihres Regisseurs. Das mag man nun mögen oder nicht, aber ich bin froh darum, dass Shyamalan Shyamalan-Filme macht. Denn sonst macht es keiner.

Glass ist sicherlich nicht der Abschluß der Trilogie, den sich Einige erhofft haben. Auch ich habe so ein paar Punkte, die ich ausgeführt habe, die den Gesamteindruck ein wenig dämpfen. Aber insgesamt fand ich den Film in keiner Sekunde langweilig, hatte Spaß an den inszenatorischen Einfällen, der tollen Kameraarbeit und dem mitreissenden Sound Design. Es ist auf jeden Fall der ungewöhnlichste Superheldenfilm, den ich seit langem gesehen habe. Vielleicht sogar seit Unbreakable.

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