Eiskalte Paranoia – Ennio Morricone’s THE THING

Quelle: thething.fandom.com

Ende der 1970er Jahre begann die Karriere von John Carpenter richtig Fahrt aufzunehmen. Mit HALLOWEEN schuf er 1978 nicht nur einen Klassiker des Slasher-Genres, bis 1999, als BLAIR WITCH PROJECT in die Kinos kam, war HALLOWEEN auch der erfolgreichste Film, gemessen an Produktionskosten und Einspielergebnis. Danach folgte eine ganze Reihe an heute als Klassiker angesehenen Carpenter-Filmen: THE FOG (1980), ESCAPE FROM NEW YORK (1981) und eben THE THING (1982). Carpenter ist ein großer Fan von Howard Hawks, der unter anderem die erste Verfilmung der Geschichte „Who goes there?“ als THE THING FROM ANOTHER WORLD 1951 maßgeblich auf die Leinwand brachte. Es gibt sogar eine Szene in HALLOWEEN, in der das Original im Fernsehen zu sehen ist. Von daher war Carpenter zuerst auch nicht sicher, ob er das Projekt übernehmen sollte, weil er zu viel Respekt vor Hawks und dem Original hatte. Aber das Drehbuch durchlief mehrere Veränderungen und war schließlich näher an der Ursprungsgeschichte als die erste Verfilmung, in der das Wesen eine humanoide Form hatte.

Ein Merkmal von Carpenters Filmen ist die minimalistische Synthesizer-Musik, die Carpenter selbst für seine Filme schrieb. Das hat er aus seiner Studentenzeit übernommen, in der er das bereits schon so handhabte. Später sagte er einmal, dass er selbst das „schnellste und günstigste“ war, was er bekommen konnte. Dabei ist Carpenter kein professioneller Musiker. Er spielte hauptsächlich Gitarre in seiner Hobby-Band „The Coupe De Villes“, zu der seine alten Freunde Nick Castle (der mit Carpenter am Drehbuch zu ESCAPE FROM NEW YORK arbeitete und auch Michael Myers in HALLOWEEN spielte) und Tommy Lee Wallace (der bei Carpenters Filmen Mädchen für alles war, Produktionsdesigner, Cutter, später selbst Regisseur) gehörten. Seine Filmmusik war daher auch hauptsächlich improvisiert. Er selbst bezeichnete sich einst als nicht clever genug, um schon während des Drehs Ideen für die Musik zu haben. Aufgrund des geringen Budgets seiner ersten Filme blieb auch nicht viel Geld für die Musik übrig. So konnte Carpenter bei ASSAULT ON PRECINCT 13 und HALLOWEEN das Tonstudio für gerade mal drei Tage mieten. In diesen drei Tagen spielte er dann eine Handvoll Stücke ein, ohne den Film dazu zu sehen, und legte diese dann an passenden Stellen über den Film.

Als Carpenter dann die Regie für THE THING übernahm, sollte dies sein erster Film für ein großes Studio werden, Universal Pictures. Diese wollten dann auch einen „richtigen“ Komponisten für den Film haben. Produzent Stuart Cohen meinte allerdings, dass Carpenter zu beschäftigt war mit der Fertigstellung des Filmes, sodass er das Komponieren der Musik abgegeben hat. Es wurde eine Liste mit Namen erstellt, auf der sogar Jerry Goldsmith auftauchte. Doch der konnte das Projekt nicht übernehmen, da er bereits mit POLTERGEIST und TWILIGHT ZONE beschäftigt war. Weitere Namen waren John Corigliano (ALTERED STATES) und Alex North (SPARTACUS), der sogar das Drehbuch las. Doch Cohen schlug Carpenter dann Ennio Morricone vor und John sagte zu, weil er gerne mit Morricone arbeiten wollte. Carpenter flog sogar extra nach Rom, um mit Morricone zu sprechen. Da Carpenter der italienischen Sprache nicht mächtig ist und Morricone wiederrum kaum englisch spricht, mussten sie sich über einen Dolmetscher verständigen. Carpenter spielte Morricone seine Musik zu ESCAPE FROM NEW YORK vor, da er dem Komponisten aufzeigen wollte, was er sich musikalisch vorstellte. Und so fing Morricone an zu komponieren, ohne, dass es bereits fertige Filmszenen gab.

Quelle: twitter.com/lafamiliafilm

Der weitere Verlauf wurde in verschiedenen Interviews immer etwas anders dargestellt, sodass die Wahrheit wohl in der Mitte liegt. So komponierte Morricone einen orchestralen Score, aber mit elektronischen Anteilen, weil er wusste, dass Carpenter dies bevorzugte. Tatsächlich nahm Carpenter ein Stück, welches Morricone nach dem Vorbild von Carpenters Musik komponiert hatte und machte es zum „Main Theme“ des Filmes. Der pulsierende Bass-Rhythmus war in der Tat ein Markenzeichen von Carpenters Musik geworden. Und die minimalistische, eiskalte Melodie, die Morricone dazu spielte, passte perfekt zum Setting des Filmes. Die einzige Anweisung, die Carpenter Morricone gab, war „Weniger Noten!“. Und so klingen auch einige der orchestralen Stücke sehr nach Carpenters Musik, wenn sie von einem Orchester eingespielt worden wäre.

Morricone hatte bereits knapp 20 Minuten Musik komponiert, bevor der Film fertig war, die Carpenter verwenden konnte, wo er wollte. Diese legte er auch über den Film, bevor Morricone in die USA kam, um dort den Rest des Scores aufzunehmen. Doch bereits hier merkte Carpenter, dass die Musik an einigen Stellen nicht zum Film passte. Also ging er mit Alan Howarth ins Studio und komponierte einige elektronischen Stücke selbst, die seiner Meinung nach besser zu den Szenen passten und die vor allem einige Szenenübergänge unterstützen sollten. Das geschah aber ohne, dass Morricone davon wusste, denn Morricone sagte 2012 in einem Interview: „Ich fragte John Carpenter, der gerade mit einem Assistenten elektronische Musik für den Film erstellte, warum er mich überhaupt angerufen hatte, wenn er die Musik doch selbst machen wollte? Seine Antwort überraschte mich, als er meinte, dass er zu meiner Musik geheiratet habe und mich deshalb angerufen hat. Als er mir dann den fertigen Film zeigte und ich anfing, die Musik zu schreiben, gab es keinen Ideenaustausch zwischen uns. Er rannte davon, fast schon peinlich berührt, dass er mir den Film zeigen musste. Ich schrieb die Musik alleine, ohne seinen Input.“

Das würde zu dem Gerücht passen, dass Carpenter etwas angefressen davon war, dass Universal ihn nicht selbst wieder die Musik machen ließ. Er brachte Morricone dazu, die Musik seiner minimalistischen Musik anzupassen und komponierte selbst noch elektronische Stücke dafür, was er dem Studio wohl, so gut es ging, verheimlichte. So ist dann auch kurioserweise das erste Musikstück, welches im Film über dem Vorspann zu hören ist, in dem prominent „Music by Ennio Morricone“ steht, von Carpenter.

„Ich benutzte meine Stücke, um Verbindungen herzustellen, da wir an einem Punkt in der Mitte die Struktur des Filmes ändern mussten. Ich packte meine Musik hinein, um den Film damit zusammenzuhalten, aber ich habe in keinster Weise versucht, mit Ennios Musik zu konkurrieren. Der Score ist alleine seiner.“ sagte Carpenter im Interview zum Film für das Buch „John Carpenter – The Prince of Darkness“.

Und auf die Anmerkung, dass Morricone der Ansicht war, Carpenter hätte nur Stücke von ihm verwendet, die Carpenters eigener Musik am ähnlichsten waren, sagte er „Das stimmt teilweise, aber es gibt große, orchestrale Musik im Film, beispielsweise, wenn sie im norwegischen Camp sind. Manche seiner Stücke waren nicht ganz das, was mir vorschwebte. Seine Musik war zu „auffällig“, aber wir benötigten Musik, die fast schon „verschwindet“. Mit anderen Worten, wenn die Musik unauffällig ist, kannst du sie in verschiedenen Szenen einsetzen, um diese miteinander zu verbinden. Und manchmal ist es genau das, wonach wir suchen. Man benötigt nicht immer Musik, die sich zu sehr „zeigt“, wie beispielsweise bei Max Steiner. Manchmal sucht man nach etwas, das unsichtbar ist.“

Insgesamt komponierte Morricone knapp eine Stunde Musik für den Film, die aber in weiten Teilen nicht benutzt wurde. Carpenter blieb bei den minimalistischen Stücken, die Morricone ihm bereits geschickt hatte und schmückte diese mit seiner eigenen Musik noch aus. Varesé Sarabande veröffentlichte ein Soundtrack-Album zum Film, welches die komplette Musik Morricones enthält, auch die Stücke, die im Film nicht auftauchen. Dafür fehlen die von Carpenter komponierten Stücke auf dem Album. Das Album erschien auf Vinyl, Musikkassette und CD, wobei die Vinyl-LP und die CD heute gefragte Sammlerstücke sind. Eine Neuauflage gab es bisher nicht. Vor ein paar Jahren erschien beim Boutiquen-Label Buysoundtrax Records eine Neueinspielung der Musik. Alan Howarth selbst spielte, zusammen mit Larry Hopkins, die komplette Musik elektronisch neu ein. Darunter befinden sich nun auch zum ersten Mal die Stücke, die Carpenter für den Film schrieb.

Quelle: amazon.de
Quelle: jpc.de

Für die etwas kuriose Entstehungsgeschichte funktioniert die Musik im Film aber sehr gut. Der Film beginnt mit einem minimalistischen Klangteppich Carpenters, der über dem Titelvorspann zu hören ist. Danach folgt aber gleich das berühmteste Stück des Filmes, welches auf dem Soundtrack-Album „Humanity Part II“ heißt. Der pulsierende Bass und die trostlose Melodie, die das ewige Eis der Antarktis untermalen, könnten von Carpenter stammen. Tatsächlich ist das aber eines der elektronischen Stücke von Morricone, der hier ins Carpenter-Kostüm geschlüpft ist. Das Stück taucht auch im weiteren Verlauf des Filmes immer wieder auf. Also blieb Carpenter seiner Linie treu, ein Stück mehrmals im Film zu verwenden.

Ein Hubschrauber der norwegischen Forschungsstation verfolgt einen Husky durch das ewige Eis. Sie erreichen die amerikanische Forschungsstation, bei der sich die Norweger aus Versehen selbst in die Luft sprengen. Das amerikanische Team nimmt den Husky bei sich auf und will nun herausfinden, warum die Norweger ihn verfolgt haben. Während sich ein Team auf den Weg macht, beobachtet der Husky alles ganz genau. In dieser Szene ist wieder ein minimalistischer Klangteppich Carpenters zu hören. Der Pilot MacReady und der Arzt erreichen im Hubschrauber die norwegische Station. Es bietet sich ihnen ein Bild der Verwüstung. Durch die Löcher in den Wänden ist die Kälte in die Station gedrungen und hat sie in eine Eishöhle verwandelt. Morricones eiskalte Streicher begleiten MacReady und den Arzt, als sie sich ihren Weg durch die menschenleere Station bahnen. Auf dem Album ist das der Track „Solitude“. Besonders gefällt mir hier, dass die Musik immer wieder eine Pause macht, abebbt, um dann mit diesen klirrend kalten Streichern wieder einzusetzen. Ein etwas ähnliches Stück ist im Film zu hören, als Blair am Computer sitzt und erforscht, wie die Zellen dieses außerirdischen Wesens in den menschlichen Körper eindringen („Humanity Part I“).

Im Film gibt es viele Szenen ohne Musik. Beispielsweise das erste Auftauchen des „Dings“, die berühmte Bluttest-Szene oder die Szene mit dem Defibrillator. Und gerade dieser Umstand, dass der Film nicht mit Musik zugeschüttet wurde, macht sie so wirksam, wenn sie auftaucht. Das alte Soundtrack-Album hat zehn Tracks.

  1. Humanity (Part I)
  2. Shape
  3. Contamination
  4. Bestiality
  5. Solitude
  6. Eternity
  7. Wait
  8. Humanity (Part II)
  9. Sterilization
  10. Despair

Von diesen Tracks sind manche gar nicht im Film und manche nur teilweise. Gar nicht im Film tauchen auf: „Contamination“, „Bestiality“, „Eternity“ und „Sterilization“. „Despair“ beispielsweise ist nur teilweise im Film zu hören, wie auch „Shape“. Aber um ehrlich zu sein finde ich die Stücke, die Carpenter außen vor gelassen hat, auch nicht sonderlich passend zur restlichen Musik und auch die Szenen, für die sie wohl komponiert wurden, funktionieren ohne Musik sehr gut. So ist „Bestiality“ mit seinen sägenden Violinen und Celli, die sich immer weiter auftürmen, tatsächlich viel zu „aufdringlich“ und würde im Film wie ein Fremdkörper neben der anderen Musik wirken. Mich erinnert das immer wieder an die Umstände bei Ridley Scotts ALIEN, der drei Jahre vor THE THING erschien. Auch hier hatte es der Komponist, in diesem Fall Jerry Goldsmith, mit einem Regisseur zu tun, der die Musik nach eigenem Ermessen einsetze, wo er wollte. Aber Carpenters Art erscheint harmlos im Vergleich zu Scotts Vorgehen, der nicht nur Stücke einfach an andere Stellen schob, für die sie gar nicht komponiert worden waren, sondern auch Tracks kürzte, zerschnitt, ganz wegließ und sogar bereits existierende Musik einsetzte. Aber auch hier gibt es eine Entscheidung, die ich nachvollziehen kann. So komponierte Goldsmith ein Motiv für das Alien, ein wie aus der Ferne rufendes Horn, welches auf dem Soundtrack-Album beispielsweise im Track „Acid Test“ zu hören ist. Im Film fehlt dieses Motiv vollkommen, weil die Macher es für zu pompös hielten. Und tatsächlich fällt auch mir keine Szene in ALIEN ein, wo dieses Motiv gut gepasst hätte, ohne gegen den Rest der Musik zu laufen. „Bestiality“ ist also sozusagen das nicht wirklich passende Alien-Motiv für THE THING.

Auf der Neueinspielung befinden sich noch die zusätzlichen Tracks „Main Title“, „Burn it“, „Fuchs“ und „To Mack’s Shack“. Diese klingen tatsächlich wie die Original-Aufnahmen, da es Alan Howarth möglich war, den Sound der Synthesizer von damals zu rekonstruieren. Auch die Morricone-Stücke sind in Teilen der Original-Aufnahme zum Verwechseln ähnlich, obwohl auch die Orchestermusik elektronisch neu eingespielt wurde. Kurioserweise klingt das berühmte, von Morricone schon elektronisch eingespielte, „Humanity Part II“ auf der Neueinspielung hörbar anders. Die Neueinspielung wurde mittlerweile auch als limitierte Vinyl-LP veröffentlicht.

Die optisch schönste Veröffentlichung des alten Albums ist die limitierte „Trapped in the ice“-Edition von Waxworks Records. Hierbei ist das Vinyl von einer Schachtel umgeben, die man in der Mitte auseinanderziehen kann. Die gezackten Ränder der beiden Schachtelhälften sehen wie zerbrochenes Eis aus. Darunter kommt dann die Vinyl-LP im Klappcover zum Vorschein, welches vorne eine Satellitenaufnahme der Antarktis zeigt. In der aufgeklappten Mitte sieht man eine Zeichnung der Szene, als die Männer der US-Station das Raumschiff im ewigen Eis entdecken. Und auch das Vinyl selbst ist ein Hingucker. Es ist dunkelblau, wie das Meer und in der Mitte, unter dem Label, sieht man das Weiß des ewigen Eises.

Quelle: youtube.de

Morricones „verlorene“ Musik für THE THING feierte aber doch noch ihre Leinwandpremiere. Quentin Tarantino beauftragte Morricone mit dem Score zu seinem Film THE HATEFUL EIGHT im Jahr 2015. Für seine Musik bekam Morricone 2016 dann sogar den Oscar. Tatsächlich aber ließ auch Tarantino viel von Morricones neuer Musik außen vor und bediente sich an seiner Musik zu THE THING. Die Ausgangslage in THE HATEFUL EIGHT ähnelt der in THE THING frappierend. Auch hier ist eine Gruppe von Leuten in einem Schneesturm an einem Ort gefangen, während einer oder mehrere unter ihnen nicht die sind, die sie zu sein scheinen. Und so tauchen die in THE THING nicht verwendeten Stücke „Bestiality“ und „Eternity“ im Film auf, sowie ein Teil von „Despair“.

John Carpenters THE THING feierte im Juni 1982 Premiere, nur kurz nach E.T. und wurde fast durch die Bank weg von der Kritik verrissen. Vor allem die damals noch nicht so gesehenen, blutigen Monster-Effekte schreckten viele ab und attestierten Carpenter eine Lust am Splatter, die über die Lust an einer guten Geschichte oder guten Charakteren hinausragte. Er bekam sogar den Titel „Pornographer of Violence“ verliehen und der Film spielte an den Kinokassen mit fast 20 Millionen Dollar nur ein wenig mehr ein, als er gekostet hatte. Morricones Musik wurde für eine „Goldene Himbeere“ nominiert. Doch wie viele Carpenter-Filme erreichte auch THE THING sein Publikum und seinen heutigen Kultstatus erst im Laufe der folgenden Jahre, vor allem durch das Heimkino. Heute gilt THE THING als ein Meilenstein in Carpenters Karriere, doch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung kostete es ihn den Vertrag mit Universal, für die er noch weitere Filme inszenieren sollte, unter anderem FIRESTARTER. Viele Filmmusik-Fans zeigten sich enttäuscht von Morricones Musik, fehlt ihr doch ein großes Thema und auch die minimalistisch-nihilistische Stimmung der Musik ist nicht jedermanns Geschmack. Doch in Verbindung mit dem Film entfaltet sie ihre volle Wirkung und lässt den Zuschauer ein ums andere Mal Kälte, Isolation und Angst am eigenen Leib spüren.

Diesen Artikel, sowie noch viele weitere zu Ennio Morricone, findet ihr in der aktuellen Ausgabe der Cinema Musica, die man hier bestellen kann.

Quelle: cinemamusica.de

 

Rating: 5.0/5. Von 2 Abstimmungen.
Bitte warten...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.