Was zum Henker…? – THE HATEFUL EIGHT

Quelle: moviepilot.de

Nur noch zwei Filme. Zumindest, wenn es nach Quentin Tarantino geht. Er verkündete 2015, dass er in seiner Karriere zehn Filme machen wolle und danach für ihn Schluß sei. Ob das tatsächlich eintreffen wird, bleibt abzuwarten. Vor allem ist es spannend, welche beiden Filme Tarantino noch machen will, beziehungsweise, zu welchem Genre sie gehören werden. Richten wir unsere Aufmerksamkeit aber erst einmal auf Tarantinos neuesten Streich, „The Hateful 8“.

Nach „Django Unchained“ kündigte Tarantino an, als nächstes noch einmal einen Western machen zu wollen. 2013 schrieb er das Drehbuch zu „The Hateful 8“ und gab es nur an einen kleinen Kreis von Personen weiter. Dennoch gelangte das Drehbuch ins Internet und Tarantino, verständlicherweise wütend darüber, spielte mit dem Gedanken, das Projekt abzublasen. Er schrieb das Drehbuch danach noch einige Male um, bevor es 2014 zu einer Drehbuch-Lesung kam mit den Schauspielern, die Tarantino für die Rollen vorgesehen hatte. Anfang 2015 begannen dann schliesslich die Dreharbeiten. Als besonderen Clou drehte Tarantino den Film im 70-mm-Cinemascope-Format, wie es in den 50ern und 60ern bei Filmen wie „Ben Hur“ gemacht wurde. Dafür kamen Objektive zum Einsatz, die teilweise tatsächlich seit den 60er Jahren nicht mehr im Einsatz waren.

Der Titel „The Hateful 8“ lässt natürlich an „The Magnificent Seven“ denken und daher war die Aufregung in der Filmgemeinde groß ob des Umstands, dass Tarantino nun einen altmodischen Western drehen würde. Aber Tarantino wäre nicht Tarantino, wenn er einfach nur Erwartungen erfüllen würde.

„The Hateful 8“ ist tatsächlich kein Western mit tollen Landschaftsaufnahmen, Cowboys auf Pferden und Indianern. Es ist ein Kammerspiel, welches (fast) nur an einem Ort stattfindet. Ebenso ist die Weite des Westens hier eine karge Schneelandschaft, die an den Western-Klassiker „Il Grande Silenzio“ (zu deutsch „Leichen pflastern seinen Weg“) denken lässt. Zu Beginn des Filmes bahnt sich eine Kutsche ihren Weg durch den Schnee, als sie in einem Waldstück anhalten muss. Ein Mann steht auf dem verschneiten Weg und bittet, mit nach Red Rock fahren zu können. Dieser Mann ist der Kopfgeldjäger Marquis Warren, gespielt von Samuel L. Jackson. In der Kutsche sitzt John Ruth, genannt „Der Henker“ (Kurt Russell), der seine Gefangene, Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), nach Red Rock bringen will, damit sie dort für ihre Verbrechen aufgeknüpft werden kann. Widerwillig lässt Ruth den Kopfgeldjäger Warren mitfahren. Ein wenig später lesen sie noch einen weiteren Passagier auf, Chris Mannix (Walton Goggins), der sich als neuer Sheriff von Red Rock ausgibt.

Ein aufziehender Schneesturm zwingt die Kutsche bei „Minnies Miederwarenladen“ anzuhalten. In dem Haus befinden sich bereits vier Männer, die ebenfalls angeben, vor dem Schneesturm Unterschlupf zu suchen. Nach und nach wird aber klar, dass einer von ihnen oder sogar mehrere nicht einfach nur harmlose Reisende sind, sondern mit Daisy Domergue unter einer Decke stecken. Das Misstrauen greift um sich, während ein Mann nach dem anderen sein Leben lassen muss. Soweit zur Geschichte.

Tarantino lässt sich viel Zeit, seine Figuren vorzustellen und zu charakterisieren. So passiert in den ersten 90 Minuten der knapp drei Stunden Filmlaufzeit tatsächlich im Grunde nicht mehr, als dass sich die Figuren unterhalten. Der Film selbst ist in sechs Kapitel unterteilt, die chronologisch beginnen, bevor man dann gegen Ende hin einen Rückblick auf die Ereignisse in „Minnies Miederwarenladen“ sieht, die stattfanden, bevor die Kutsche das Haus erreichte.

Als Vorbild für Tarantino dienten nicht nur Western wie „Il Grande Silenzio“, sondern ziemlich offensichtlich auch „John Carpenter’s The Thing“. In Carpenters Horrorfilm von 1982 ist ebenfalls eine Gruppe von Leuten während eines Schneesturms an einem Ort gefangen, während sich unter ihnen ein ausserirdisches Wesen befindet, welches die Gestalt jeder Person annehmen kann und so bald keiner mehr dem anderen traut, weil ja jeder „Das Ding“ sein könnte. Weitere Parallelen sind, dass es in Carpenters Film unter den Männern einen Schwarzen gibt und dass Kurt Russell die Hauptrolle spielt. Es ist vielleicht nur Zufall, aber in „John Carpenter’s The Thing“ ist Kurt Russells Rollenname R.J. MacReady. Die umgekehrten Initialen, also J.R., sind die Anfangsbuchstaben seiner Figur in „The Hateful 8“, John Ruth.

Eine weitere Übereinstimmung mit „John Carpenter’s The Thing“ ist Filmmusik-Legende Ennio Morricone. Er schrieb nicht nur für Carpenters Film die Musik, auch Tarantino konnte ihn für seinen Film verpflichten. Das war schon eine kleine Sensation, da der mittlerweile 87-jährige Morricone seit den 80ern keinen Western mehr vertont hat und auch sonst eher selten in Hollywood arbeitet. Für die Aufnahmen seiner Filmmusiken verlässt Morricone auch selten sein Heimatland Italien. Tarantino wollte Morricone schon für „Inglourious Basterds“ verpflichten, damals lehnte Morricone aber noch ab. Die Musik in Tarantinos Filmen gleicht im Grunde einem Flickenteppich. Tarantino sucht aus seiner Musiksammlung passende Stücke heraus, meist aus älteren Filmen, und verwendet diese einfach für seine Filme. Dabei waren auch schon Stücke von Morricone. Tarantinos Filme haben also keinen traditionellen Score, der von einem Komponisten geschrieben wird, was für seine Filme auch gut funktioniert. Für „The Hateful 8“ wollte er aber nun unbedingt mit Morricone arbeiten und dieser willigte schliesslich ein.

Morricone schrieb eine neue Filmmusik für Tarantino, die dieser dann aber doch nicht unangetastet lassen konnte. Auf dem veröffentlichten Soundtrack-Album kann man wesentlich mehr Musik von Morricone hören, als tatsächlich im Film gelandet ist. Der Film hat, gemessen an seiner Laufzeit, sowieso wenig Musik. Was Tarantino natürlich behalten hat, ist das neue Hauptthema, welches Morricone komponierte und das ist einfach der Knaller. Es ist bedrohlich und geheimnisvoll, ein sofortiger Ohrwurm.

Es ist aber auch Musik von Morricone im Film, die nicht auf dem Soundtrack-Album zu finden ist. Dabei handelt es sich um die Musik aus „John Carpenter’s The Thing“, die man dort allerdings nicht hört. Klingt verwirrend, ist aber ganz einfach. Morricone komponierte die Musik für Carpenters Film, ohne den Film selbst gesehen zu haben. Carpenter korrespondierte mit Morricone und aus den Unterhaltungen entstanden die Musikstücke, bei denen sich Morricone stark an Carpenters eigenen Musikstil anlehnte. Die von Morricone komponierten Stücke legte Carpenter dann einfach über die Szenen, für die er sie passend fand. Dabei handelt es sich aber nur um eine Handvoll Stücke, die teilweise öfter im Film auftauchen, während auch dort der Rest des Filmes keine Musik hat oder Carpenter selbst für einige Passagen in die Tasten haute. Dennoch gibt es ein Soundtrack-Album zu „John Carpenter’s The Thing“, welches die Musik von Morricone enthält, darunter auch die Stücke, die gar nicht im Film auftauchen. Und aus diesen Stücken hat Tarantino sich bedient. So ist das Stück „Bestiality“ in „The Hateful 8“ sozusagen das „Blutbad-Thema“, welches zweimal im Film auftaucht.

Ein weiteres Stück, welches auftaucht, ist „Eternity“. Dieses hört man, als der Kutscher und Chris Mannix versuchen, ein Seil zwischen dem Laden und der Toilette zu spannen, damit man den Weg im Schneesturm findet. Auch in Carpenters Film sind die Gebäude der Forschungsstation mit Seilen verbunden.

Das Album zum Film enthält ausserdem, wie immer bei Tarantino, Dialoge aus dem Film, die zwischen den Titeln auftauchen. Das Album gibt es auch auf Vinyl.

Quelle: Amazon.de

Die drei Stunden vergingen für mich recht schnell. Man muss sich auf Tarantinos Erzählweise einlassen, aber das fiel mir nicht schwer. Daher empfand ich den Film auch nicht als langweilig, selbst in der sehr dialoglastigen ersten Hälfte. Die Figuren sind interessant genug, sodass ich ihnen gerne zugehört habe. Fast schon konträr zur ruhigen Erzählweise steht das übertriebene Blutbad in der zweiten Hälfte, welches aber eigentlich schon Standard bei Tarantino ist. Seine Comic-Gewalt, in der Köpfe zerplatzen und Blutfontänen aus den Schusswunden spritzen, ist derart übertrieben, dass sie eigentlich nicht ernst zu nehmen ist. Das steht dem ansonsten durchaus ernsten Film zwar etwas im Weg, aber es fällt nicht aus dem Rahmen. Auch sonst gibt es im Film durchaus lustige Momente (die Tür!). Tarantino versteht es aber, die Spannungsschraube in der zweiten Hälfte mehr und mehr anzuziehen, sodass sich auch der Zuschauer bis zur Auflösung fragt, was genau vor sich geht.

Ein kleiner Wermutstropfen war die Sound-Anlage des Kinos. Dort hatte man entweder vergessen, alle Lautsprecher einzuschalten oder das System war einfach defekt. So lief der Film komplett nur im Stereo-Ton, Töne kamen also nur aus den beiden Front-Lautsprechern. Das fiel vielen Besuchern scheinbar gar nicht weiter auf, da die Sprache normalerweise auch aus den Front-Boxen kommt und man alles gut verstanden hat. Aber die Musik und auch die Soundeffekte waren in vielen Szenen nur leise oder gar nicht zu hören. Sowas habe ich in einem großen Kinokomplex auch noch nicht oft erlebt. Ausserdem war sogar im Film selbst nach der Hälfte eine Pause vorgesehen, da mitten im Film plötzlich ein Erzähler auftaucht und das bisher Geschehene zusammenfasst. Auch die Pause hat man im Kino unterschlagen, was ich jetzt aber nicht schlimm fand. Der Film ist auch in einer 70-mm-Roadshow unterwegs, in Deutschland allerdings nur in vier Städten. Die dort gezeigte Fassung des Filmes ist knapp 20 Minuten länger, alleine eine extra dafür angefertigte Overtüre läuft zu Beginn des Filmes fast zehn Minuten lang.

Insgesamt kann ich den Film sehr empfehlen. Wer genug Sitzfleisch und Interesse mitbringt, sich drei Stunden lang Leute anzusehen, die in einem Miederwarenladen sitzen und die meiste Zeit über nur Reden, ist hier richtig. Auch, wenn das nicht sonderlich spannend klingt, so hat es der Film bei mir geschafft, dass ich drei Stunden lang am Ball geblieben bin. Dafür sorgen natürlich auch die exzellenten Darsteller, allen voran Kurt Russell, Samuel L. Jackson und Jennifer Jason Leigh. Letztere ist auch für den Oscar nominiert, ausserdem konnte der Film Nominierungen in den Bereichen „Beste Kamera“ und „Beste Filmmusik“ einheimsen. Aber auch die Nebenrollen sind gut besetzt. So überzeugt Bruce Dern („Lautlos im Weltall“) als rassistischer Südstaaten-General und auch Tim Roth spielt seine Rolle als schrulliger Brite sehr gut. Bei ihm musste ich allerdings auch daran denken, dass das eine typische Rolle für Christoph Waltz gewesen wäre, auf den Tarantino aber hier verzichtete. Weitere Darsteller, die man bereits aus anderen Tarantino-Filmen kennt, sind Michael Madsen, „Der Cowboy“ („Kill Bill“, „Reservoir Dogs“), und auch Zoë Bell, „Six-Horse Judy“ („Death Proof“, „Django Unchained“). Bell, die eigentlich Stunt-Frau ist, übte diese Funktion auch in „Kill Bill“ aus, wo sie das Stunt-Double von Uma Thurman war. Tarantino war von Bell so beeindruckt, dass er sie seitdem auch in Schauspiel-Rollen einsetzt. Auch in anderen Filmen trat sie mittlerweile als Schauspielerin auf.

Haben euch die „Hateful 8“ gepackt oder habt ihr euch beim Kinobesuch gelangweilt?

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